"Schiele war sich des Publikums bewusst", ist Kunsthistoriker Tobias Natter überzeugt. Vor allem bei seinen Selbstakten. Im Bild: "Sitzender Männerakt" (Selbstdarstellung), 1910. - © Leopold Museum, Wien, Inv. 465
"Schiele war sich des Publikums bewusst", ist Kunsthistoriker Tobias Natter überzeugt. Vor allem bei seinen Selbstakten. Im Bild: "Sitzender Männerakt" (Selbstdarstellung), 1910. - © Leopold Museum, Wien, Inv. 465

Wien. Der Körper wird in seinen Bildern zur abgründigen Spiegelfläche der Seele, er wird zum Ort des Stigmas, dem Schmerz geweiht. Dadurch, dass es der eigene Körper ist, macht Egon Schiele auch Sexualität zur klaffenden Wunde, zur existenzialistischen Leerstelle einer gerade anbrechenden, alles zerbrechenden Epoche.

Seine Selbstakte sind ein ganz besonderes Genre im Werk von Schieles. Sie sind auch heute beklemmend, tief berührend. Wie Körper gewordene Seelenzustände blicken sie provokant in die Gegenwart, zeigen das Leib gewordene Zerrissen-Sein, die auf sich geworfene Einsamkeit des modernen Menschen. Eine Spurensuche anlässlich Schieles 100. Todestag.

"Bei diesen Bildern bekommen wir heute noch Gänsehaut", bestätigt Schiele-Experte Tobias Natter die Aktualität dieser Selbstporträts. Dass er sich selbst immer wieder malt, immer wieder als künstlerisches Studienobjekt verwendet, zeigt auch, dass in ihm ein moderner Begriff von Wahrheit vorhanden ist: "Schiele hat die Vorstellung fasziniert, dass es nicht die eine Wahrheit gibt. Diese Erkenntnis hat er im eigenen Spiegel immer wieder ausgelotet."

Schiele-Experte: Tobias Natter. - © reuters/Herwig Prammer
Schiele-Experte: Tobias Natter. - © reuters/Herwig Prammer

Dieser künstlerische Blick in den eigenen Spiegel begleitet Egon Schiele ein Leben lang. Es ist analog zur Wahrheit auch immer ein anderer, der aus den gemalten Ergebnissen dieser äußerlichen Innenschau blickt. Nicht immer ist der Blick bohrend und grausam: "Schiele schöpfte aus der Fülle der Blickwinkel. Vormittags ein besonnener jugendlicher Knabe, interessiert, weltoffen, versonnen, ja sogar romantisch, in hübscher Kleidung. Nachmittags das verzerrte, schmerzhafte, nackte Zerrbild. Das war kein Widerspruch für ihn, das waren alles Facetten seiner selbst."

Mit der Moderne und hier speziell mit dem Aufkommen der Psychoanalyse zersplittert die Vorstellung einer homogenen Persönlichkeit - dieser zerstückelte Blick auf sich selbst macht die Selbstbildnisse Schieles daher bis heute zu einem Archetypus der Moderne. Widersprüchlichkeiten, Brüche und Kontraste wirken hier als neuer Fugenkitt eines Menschenbildes, das mit der Jahrhundertwende beginnt, aus den Fugen zu geraten. Schieles schonungslose Selbstakte als eine Art gemalter Psychoanalyse zu deuten, das geht Natter zu weit: "Mehr als ein gemeinsamer Nährboden verband den Künstler nicht mit Sigmund Freud."

Akte, also Darstellungen des nackten Körpers, sind so alt wie die Kunst selbst. Sie tauchen erstmals im kultischen Bereich vor 30.000 Jahren auf - etwa in Form von Fruchtbarkeitsstatuen wie der berühmten Venus von Willendorf. Und auch lange später noch, etwa in der griechischen Kunst, lässt sich eine große Selbstverständlichkeit für die Nacktheit beobachten. Auch wenn es bei den Griechen der Jüngling, der junge Mann ist, der nackt dargestellt ist. Die Frau, so analysiert Natter, "zumindest die ehrbare, ist hier stets bekleidet". In der christlichen Kunst sind es auf menschlicher Seite vor allem die paradiesische Eva und die stillende Maria, die entblößte Haut zeigen. Zentrales Thema ist der nackte Körper nicht. Das ändert sich in der Renaissance. "Hier wird der Akt, wird der nackte Körper zum Maß aller Dinge." Vom lateinischen agere (in Bewegung setzten) leitet sich auch der Akt ab, er macht nachvollziehbar, wie Bewegung, wie der menschliche Körper funktioniert. Tobias Natter: "Es geht dem Renaissance-Künstler darum, die Räumlichkeit des Körpers zu studieren, die Muskeln und Bewegungsabläufe zu verstehen und abzubilden. Das Ziel dahinter waren die Suche und das Studium der Vollkommenheit."