• vom 15.09.2011, 17:14 Uhr

Kultur

Update: 15.09.2011, 17:52 Uhr

Kunst

Falscher Hase in Öl




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Von Christof Habres

  • In Köln wird zurzeit einer der aufsehenerregendsten Kunstfälscher-Prozesse der letzten Jahre verhandelt
  • Kunstfälscher zwischen Verbrechen, Genialität und nonchalantem Auftreten.
  • Was passiert mit gefälschten Werken?

Wer diese Adele fertigmalt, hat sich noch nicht strafbar gemacht. Auch nicht, wer sie stolz mit "Klimt" signiert. Verkaufen sollte man das Blatt aus dem "Kunstmalbuch" halt lieber nicht.

Wer diese Adele fertigmalt, hat sich noch nicht strafbar gemacht. Auch nicht, wer sie stolz mit "Klimt" signiert. Verkaufen sollte man das Blatt aus dem "Kunstmalbuch" halt lieber nicht. Wer diese Adele fertigmalt, hat sich noch nicht strafbar gemacht. Auch nicht, wer sie stolz mit "Klimt" signiert. Verkaufen sollte man das Blatt aus dem "Kunstmalbuch" halt lieber nicht.

Ein Flohmarkt ist der denkbar ungeeignetste Ort, um hochklassige Kunstwerke zu verkaufen. Außerdem ungeheuer stillos. Eine Erniedrigung für jeden ernsthaften Künstler und ein absoluter Affront gegenüber professionell arbeitenden - Kunstfälschern. Für den Künstler ist es peinlich, abseits der anerkannten, offiziellen Institutionen des Kunstmarkts, neben Edmund-Sackbauer-Interieurs, präsentiert zu werden, wie es mit gefälschten Arbeiten des renommierten österreichischen Künstlers Arnulf Rainer vor einigen Jahren auf Flohmärkten in ganz Österreich passiert ist. Miserable Fälschungen, die zu Ramschpreisen weit unter dem regulären Marktwert angeboten wurden. Vermeintliche Meisterwerke, die - und die Preise lagen ja trotzdem weit über jenen von Postern in Museumshops - überaus naive, teilweise zwielichtige Käufer gefunden haben. Im Gegensatz zu dieser heimischen Provinzposse ist die Elite der internationalen Kunstfälscher grundlegend anders organisiert, wie der Prozess gegen vier Betrüger, der am 21. September fortgesetzt wird, beweist. Sie haben über Jahre ein Netzwerk gesponnen, in dem sich Sammler, Galerien, Auktionshäuser und selbst Museen verfangen haben. Die Angeklagten haben nicht nur Werke von Max Pechstein, Max Ernst oder Fernand Leger gefälscht, sondern haben darüber hinaus geheimnisumwitterte Sammlungen - die "Sammlung Werner Jägers" und die "Sammlung Wilhelm Knops" - ins Leben gerufen. Interessierte Käufer saßen schon auf Nadeln, etwas aus diesen Sammlungen erwerben oder ersteigern zu können.

Nachmalen ist nicht verboten
Mit dem Erlös, die Summe soll bei 16 Millionen Euro liegen, leistete sich das Quartett ein luxuriöses Leben. Bis die ganze Sache nicht deswegen ans Licht kam, weil einer der zahlreichen Experten die Arbeiten als gefälscht erkannte, sondern weil jemandem eine falsche Galerienplakette auf einem der Bilder aufgefallen war. Nun soll bis März 2012 die Schuldfrage in dieser spektakulären Causa geklärt werden, die ein unrühmliches Licht auf Galerien, Auktionshäuser und natürlich auf die Experten wirft.


Wenn durch solch filmreife Prozesse wieder einmal die Praktiken der weltweiten Halbwelt von Kunstfälschern an die Öffentlichkeit dringen, dann ist für Beobachter interessant, wenn zum tieferen Verständnis einige Begriffe aus diesem Umfeld geklärt sind. "Die Fälschung beginnt außerhalb des Kunstwerks", formuliert der anerkannte Kunstrechtsexperte Andreas Cwitkovits im Gespräch. Denn es ist strafrechtlich nicht verboten, einen Picasso nachzumalen und auch mit Picasso zu signieren. Strafrechtlich relevant wird es dann, wenn man mit diesem Oeuvre zum Nachbarn geht und ihm dieses, eben auf dem Dachboden entdeckte echte Picasso-Bild vorsätzlich zu verkaufen trachtet. Wenn man hingegen dieses Werk mit dem ausdrücklichen Hinweis, es selbst geschaffen und signiert zu haben, an den Mann bringt, darf man sich über das dabei verdiente Geld straffrei freuen. Dabei geht es um die grundsätzliche Frage zwischen Kopie und Fälschung.

Im Louvre kann sich jeder Besucher am Empfang ganz offiziell eine Leinwand und Farben besorgen, sich vor die Mona Lisa setzen und diese kopieren, so oft er will. Nachdem auf diesem Bild auch schon lange keine Urheberrechte mehr liegen: kein Problem. Wenn aber, wie es vor etwas mehr als 100 Jahren am 21. August 1911 passiert ist, die Mona Lisa gestohlen wird und, wie Andreas Cwitkovits erzählt, danach von einem mysteriösen südamerikanischen Auftraggeber einige Kopien der Lächelnden in Auftrag gegeben werden, diese Kopien schließlich obskuren Sammlern zum Kauf angeboten werden, dann hat man unter anderem auch das Delikt der Fälschung begangen. Für den Auftraggeber war der Besitz des Originals nebensächlich. Aber die Information der Weltöffentlichkeit über den Diebstahl die Grundlage seines einfachen, aber genialen Vertriebskonzepts. Wie Anwalt Cwitkovits anmerkt, blieb der Dieb Vincenzo Peruggia auf seiner Beute sitzen: Dem Auftraggeber genügten die Fälschungen. Als Peruggia sie dann doch verscherbeln wollte und einem Händler anbot, klickten sofort die Handschellen. Er dürfte aufgrund der tragikomischen Umstände des Falles mit der sehr geringen Strafe von nur sieben Monaten davongekommen sein, meint Anwalt Cwitkovits.

Was zu weiteren Fragen führt: Was wird überhaupt gefälscht und wie? "Alles, was auf dem Kunstmarkt Geld bringt, wird gefälscht", erklärt der Wiener Galerist Alexander Giese. Denn es macht natürlich keinen Sinn, Arbeiten von Künstlern zu fälschen, die wenig bekannt sind und keinen Markt haben. Nein, da müssen schon die großen Namen herhalten, wie Picasso, Miro oder Giacometti. Oder in Österreich, wie Giese anmerkt, von Alfons Walde, Emil Jakob Schindler bis zu Hermann Nitsch und Max Weiler. Wobei man beim Fälschen aufpassen sollte, seine künstlerische Obsession zu zügeln und mit den Arbeiten nicht über die Millionengrenze hinauszuschießen. Denn bei Fälschungen im fünf- bis sechsstelligen Bereich sind die Kontrollen der Experten nicht so rigoros wie beim Überschreiten der Millionengrenze.

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Schlagwörter

Kunst, Kunstfälscher

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2011-09-15 17:21:11
Letzte Änderung am 2011-09-15 17:52:04




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