• vom 20.09.2011, 17:38 Uhr

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    Besessene Sessel




    (cai) Bakterien auf Leinwand? Oh, wie unhygienisch. (Noch dazu soll das ein Selbstporträt sein.) Hm. Das kann ich auch. Ich besorg’ mir ein Tüchl und putz’ mir die Nase damit. Oder wär’ das die Technik "Viren auf Leinwand"? Wurscht. Ich mach’s eh nicht. (Dieses "Selbstporträt als Taschentuch" würde zu viel von meiner Persönlichkeit preisgeben.) Und der Edgar Lissel? Drückt sein Gesicht doch tatsächlich aufs Leintüchl. Aber er schnäuzt sich dann nicht das Hirn aus dem Schädel. Er überträgt diskret seine Hautflora aufs speziell grundierte Leinen und lässt sie wuchern. Bis sein Konterfei als blasses Phantombild erscheint. Da hat wohl einer rausgefunden, wie das Schweißtuch der Veronika und das Turiner Grabtuch wirklich entstanden sind. Gut, der Erich Schopf vom Institut für Fleischhygiene hat ihm geholfen. Der hat sogar einmal eine Hostie zum Bluten gebracht. (Technik: Errötendes Bakterium auf Oblate.) Der malt selber mit bunten Bakterien.

    Überall in der Fotogalerie: kleine Wunder. Selbst wenn man weiß, wie’s gemacht wird, staunt man ungläubig weiter. Nein, der Stephan Reusse hat keineGeister fotografiert. Bloß mit der Wärmebildkamera das Kurzzeitgedächtnis der Stühle dokumentiert. Ein Sessel, den jemand auszubrüten versucht hat (auf dem also wer gesessen ist), erinnert sich noch minutenlang an den warmen Körper. Und Beatrix Bakondys Fotogramme sind gar keine. Die sind gesprayt. Quasi fotorealistisch. Und Thomas Freilers mysteriöse Kiste? Ein Zauberkasten zum Einfangen der Welt. (Eine Camera obscura.) Ja, die Künstler benehmen sich da wie Naturwissenschafter. Aber hätte man der Sache nicht trotzdem einen knackigeren Titel geben können? "Technik & Methode. Künstlerische Prozesse der Bildfindung." - So könnte man ja einen Ratgeber für Briefmarkensammler nennen! (Nicht dass ein Philatelie-Handbuch zum Bestseller würde, wenn es "Leck mich" hieße.)

    Fotogalerie Wien

    (Währinger Straße 59), "Technik & Methode"

    Bis 24. September, Di. - Fr.: 14 - 19 Uhr

    Die Bachblütenforelle

    (cai) Für Bach-Ikebana hätte ich ja noch Verständnis. Das wäre so was wie Bachblüten auf Japanisch. (Bachblüten, sind das Blümchen, die man energetisiert, indem man ihnen Musik von Bach vorspielt?) Mit Bach-Sushi hätt’ ich ebenfalls kein Problem. (Die Bachforelle, die eigentlich vom Schubert ist?) Doch das "Baubach-Sushi-Ikebana" überfordert mich. Warum nicht gleich "Ikea-Feng-Sushi"? Okay, "Baubach" ist ein andres Wort für "Omax". Eine Kombination aus zwei Baumärkten. Baumax und Hornbach. (Beziehungsweise Obi und Baumax.) Und diese primitiven Kreaturen, die beim Hilger wie Abfall rumliegen, sind ja aus Isoliermaterial für Heimwerker gebastelt. Aber Ikebana? DieDinger tragen ja nicht einmal ein Blümchenkleid! Und Sushi? Weil sie so roh sind? Ihre fotodokumentierten Ausflüge ins Freie sind auch nur mäßig aufregend. Na ja, dafür haben die Bilder, die Erik Binder mit Farbe hingerotzt hat, geradezu philosophische Titel: "101 Ways How Not To Kill." Und wie verkneift man sich das Töten? Ach, die 101 Alternativen zur abgebildeten blutigen Fliegenklatsche, die sucht er offenbar noch.

    Hilger Contemporary

    (Dorotheergasse 5), Erik Binder, bis 23. September

    Di. -Fr.: 11 - 18 Uhr, Sa.: 11 - 16 Uhr

    Das Licht fensterlt

    (cai) Maureen Kaegi hat aber ein großes Papierknäuel gemacht! Wie das Bemmerl von einem Mammutbaum (wenn der Bemmerln aus Papier ausscheiden würde). Papier so zu zerknüllen, dass es in keinen Mistkübel mehr passt, ist eindeutig Kunst. Und banal. Freilich romantisch banal. Wie das Licht- und Schattenspiel dieses Fensters. Das ist in Wahrheit die Projektion eines Fensters (das der Galerie völlig fremd ist).

    Startgalerie im MUSA

    (Felderstraße 6), Maureen Kaegi, bis 6. Oktober

    Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr, Do.: 11 - 20 Uhr, Sa.: 11 - 16 Uhr

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    Dokument erstellt am 2011-09-20 17:45:08




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