• vom 19.09.2012, 16:22 Uhr

Kultur

Update: 19.09.2012, 16:59 Uhr

Paraflows

Künstler als Forscher




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christof Habres

  • Das Festival "paraflows" für digitale Kunst und Kulturen präsentiert siebente Ausgabe

Reverse Engineering versteht Künstler als Forscher, die Technologien umdeuten. Sylvia Eckermann "Crystal Math", 2012. - © Sylvia Eckermann

Reverse Engineering versteht Künstler als Forscher, die Technologien umdeuten. Sylvia Eckermann "Crystal Math", 2012. © Sylvia Eckermann

Welche Rolle kann die bildende Kunst einnehmen, wenn es um die Auseinandersetzung mit komplexen, abgeschlossenen und undurchdringlichen Systemen wie Wirtschaft, Medien und Forschung geht?

Die Kunst könnte sich unvoreingenommen diesen Systemen annähern, sie dokumentieren und sezieren, um sie transparent zu machen und letztlich im kreativen Schaffensprozess zu kritisieren oder - mit den Mitteln der Ironie - zu entfremden und in einen anderen kulturellen Kontext stellen.


Diesen Prozess des sogenannten "Reverse Engineering" hat die Künstlerin und Kuratorin Judith Fegerl zum Konzept der gleichlautenden Ausstellung gemacht und mit 19 nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern eine Präsentation zusammengestellt, die sich dem Thema von verschiedenen Seiten nähert.

Information

Bildende Kunst
Reverse Engineering
Judith Fegerl (Kuratorin)
das weisse haus
4., Argentinierstraße 11
13. September bis 20. Oktober
www.paraflows.at

In der beeindruckenden Installation "Crystal Math" von Sylvia Eckermann wird ein Video auf ein aus tausenden Metern Nylondraht geknüpftes Spinnennetz projiziert, in dem ein Schauspieler, einem Orakel gleich, einen Text über die kaum nachvollziehbaren Netzwerke der Machtzentren der Finanzwelt spricht.

Kunst via Joystick
Das Künstlerduo Claudia Larcher und Leo Peschta hat für das interaktive Objekt "clar900" einen Spielautomaten umgemodelt. Nun liegt es an der Künstlerin, die auf dem Bildschirm in einem Video zu sehen ist, die Züge des Spiels "Snake", die der Besucher mit einem Joystick ausführt, eigenhändig mit einem Stift nachzuzeichnen. Die Künstlerin macht sich anscheinend zum menschlichen Bestandteil der Computertechnologie. Anscheinend, denn einem individuellen Algorithmus folgend, verschwindet die "Humaneinheit" immer wieder vom Bildschirm.

Komplexe Thematik
Auf eine empirische Nachforschung begibt sich Ulrike Gabriel in ihrer Arbeit "trash hits". Sie hat in den Jahren 2009 und 2010 einen Abfalleimer in einer deutschen Fußgängerzone per Webcam aufgenommen. Das Video vermittelt sehr eindrücklich und von statistischen Zahlen untermauert prägnante Verhaltensänderungen in der Bevölkerung. Lag zum Beispiel die Quote von Personen, die etwas aus dem Abfalleimer entnahmen, am Anfang der Beobachtung bei eins zu zehn - das heißt zehn Personen warfen etwas weg, eine Person entnahm etwas -, lag die Quote am Ende der Untersuchung, mit dem gleichzeitigen Voranschreiten der globalen Wirtschaftskrise, bereits bei eins zu drei.

Mit "Reverse Engineering" ist es Judith Fegerl gelungen, eine schlüssige und vielschichtige Ausstellung umzusetzen, die die komplexe Thematik sehr stringent greifbar macht.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-09-19 16:29:14
Letzte Änderung am 2012-09-19 16:59:34



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Was ist "das Leitkultur"?
  2. Schwüle Texte, hartes Urteil
  3. Ein rasender Träumer auf Reisen
  4. Die letzten Männer, die gehen
  5. Kunst
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Presserat rügt "Wochenblick"
  4. Ars Electronica bringt "Error" von Linz nach Berlin
  5. Venus, Warhol oder Papagei


Werbung