Wenn etwas Positives geschieht, dann eher in den privaten Wohnzimmern und Küchen. Sicher finden dort auch konstruktive Gesprächen statt über Geschlechterrollen, über Stereotype. Konstruktiv ist ein Gespräch aber nur, wenn Frauen sich nicht passiv-aggressiv auf die Opferposition zurückziehen. Frauen sind Opfer, wenn sie handfester Gewalt ausgesetzt sind. Aber nicht, wenn sie nicht den Mut aufbringen, sich gegen eine unangenehme Einladung zu wehren. Die Autonomie des Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass er seinen Verstand benutzt, für die Durchsetzung seines Willens Risiken in Kauf nimmt und handelt. Dass Frauen sich das nicht zutrauen: Dadurch bleiben sie in einem Status der Unmündigkeit.

Sie setzen sich ein dafür, dass Frauen ihre Potenz, ihre Selbstverantwortung finden, sie nicht delegieren. Wie könnte das aussehen?

Indem wir uns gegenseitig ermutigen, in die eigene Potenz zu finden. Aber nicht, indem wir die Durchsetzung unseres Willens an den Staat delegieren, weil wir selbst dazu angeblich nicht in der Lage sind. Mann und Frau sind rechtlich gleichgestellt. Wir sind gesellschaftlich an einem Punkt, wo die Realisierung faktischer Gleichberechtigung stark beim Individuum liegt. Gerade im Intimen kann das Recht nicht noch mehr regeln. Da braucht es Selbstbestimmtheit. Wenn wir einen starken Staat wollen, der die Frau vor jeder Belästigung schützt, etwa durch gläserne Türen von Professorenzimmern, ist es nicht mehr weit bis zum Überwachungsstaat. Das degradiert die Frau zu einem unmündigen Subjekt, das sich selbst nicht wehren kann - und nicht im Zweifelsfall einfach einen Raum verlassen kann.

Wäre es nicht sinnvoller, die strukturellen Benachteiligungen hinter den Übergriffen abzubauen? Männer verpflichtend in Karenz zu schicken oder Pädagogen besser zu bezahlen.

In jedem Fall. Leider ist es medienwirksamer, über Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe zu reden als über Gehältergerechtigkeit. Wären unser Hauptproblem tatsächlich Vergewaltigung und Nötigung, hätte sich MeToo immerhin vornehmlich mit verwandtschaftlichen Nahbeziehungen beschäftigen müssen. Die standen aber nie im Fokus. Unser Hauptproblem ist auch nicht die Hand auf dem Po in der Bahn, sondern dass Frauen schlechter bezahlt werden, zu selten in Führungspositionen kommen. Auch da sollten wir die weibliche Perspektive nicht aussparen: Es sind nicht einfach die bösen Männer, die Frauen nicht nach oben lassen. Viele Frauen wollen gar nicht an die Spitze, sind höchst ambivalent, wenn es um Familie und Karriere geht. Da braucht es Klarheit über die eigenen Wünsche. Diese Unklarheit und die daraus entstehende Frustration allein Männern anzukreiden, ist selbstgefällig.

Wie lässt sich dabei etwas an der oft thematisierten Selbstunterschätzung vieler Frauen ändern?

Wir müssen uns klar werden über die Gründe für diese weibliche Ökonomie der Zurückhaltung - im Sexuellen, im Existenziellen, im Professionellen. Es gibt ein auffälliges weibliches Unterschätzen der eigenen Fähigkeiten, ein Zurückbleiben hinter der eigenen Potenz. Ich vertraue auf den alten Satz des delphischen Orakels: Erkenne dich selbst. Erkenne, warum ich die bin, die ich bin. Das hat mit Geschichte zu tun, mit Mustern, die so alt sind, dass sie Teil von uns geworden sind. Das gilt es durchzuarbeiten und die eigene Geschichte in Kraft zu verwandeln - dabei geht es nicht darum, zu werden wie die Männer, Gott bewahre! Ich glaube an die Kraft der Geschlechterdifferenz. Aber wir müssen sie konstruktiv machen. Etwa, indem Frauen in Führungspositionen anders agieren, andere Prioritäten setzen. Auch auf sich selbst besser aufpassen.