Untersucht Historie und unbekannte Welten: Booker-Prize-Trägerin Hilary Mantel. Stefan Joham
Untersucht Historie und unbekannte Welten: Booker-Prize-Trägerin Hilary Mantel. Stefan Joham

Vom kaiserlichen Prunk der fürs Interview gemieteten Suite im Wiener Hotel Imperial ist Hilary Mantel hingerissen. Das überrascht, kommt doch die britische Autorin des heurigen Gratisbuchs "Jeder Tag ist Muttertag" aus einem Königreich. "Ja, aber wir sind solche Dimensionen nicht gewöhnt. Bei uns sind Paläste oft nur normale Häuser." Mantel ist zum ersten Mal in Wien - wobei: "Eigentlich lebe ich seit Jahren mit den Habsburgern. Derzeit mit Karl V." Damit spielt sie auf ihre bekanntesten Bücher an: Jene historischen Romane, die sich mit der Herrschaft von Heinrich VIII. beschäftigen und da vor allem mit seinem (bis zur Hinrichtung) Vertrauten Thomas Cromwell. Für die ersten beiden Teile der Trilogie, "Wölfe" und "Falken", hat Mantel jeweils den Booker Prize gewonnen - keine alltägliche Erscheinung. Der lang ersehnte dritte Teil soll nächstes Jahr fertig werden.

Karikatur-Bösewicht

Historische Literatur ist oft eine Gratwanderung zwischen Fakten und Fiktion. Bei Mantels Cromwell-Büchern kommt noch etwas hinzu: "Die Geschichtswissenschaft hat schon lange ein ganz anderes Bild von Thomas Cromwell gezeichnet, als wir in der Schule gelernt haben. Aber man hält allzu gerne fest an eingefahrenen Vorstellungen. In Büchern, Filmen, Serien blieb man einfach bei der Idee von Cromwell, die man in den 1960ern hatte. Für die meisten war er also nach wie vor ein karikaturhafter Bösewicht."

Nicht so blutrünstig, aber nicht minder beklemmend geht es in "Jeder Tag ist Muttertag" zu. Der Roman schildert eine so enge wie vergiftete Mutter-Tochter-Beziehung. Dass heute immer mehr Frauen es wagen, ihre Mutterschaft zu bereuen, ringt Mantel Respekt ab: "Jeder, der über Muttersein schreibt, bringt sich in eine gefährliche Position. Menschen sind sehr sensibel, was ihre Elternfähigkeiten angeht. Es ist sehr tapfer, zu sagen, dass man keine Mutter sein will. Aber: Erst seit den 1960ern haben Frauen die Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit. Das ist so ein kurzer Zeitraum in der Geschichte der Menschheit! Logisch gesehen wissen wir, dass wir die Wahl haben. Aber psychologisch gesehen braucht es viele Generationen für so eine kulturelle Veränderung."

Man kann also wohl sagen, dass dies eines der letzten Tabus unserer Zeit ist; was meint die psychoanalytisch interessierte Schriftstellerin: Sollen wir wirklich alle Tabus aufgeben? "Ich glaube schon, dass unser linderndes Wahrheit-Sagen nicht immer gut ist. Es ist manchmal ganz sinnvoll, wenn man Geheimnisse hat. Einige Zeit lang dachte man, Traumata werden besser, wenn man darüber redet. Mittlerweile weiß man, ein bisschen Unterdrückung ist ganz hilfreich."