Andreas Schindls Debütroman handelt von der Vision eines Advokaten und Freimaurers in der theresianischen Epoche, der eine "ideale Stadt" konzipiert. Das Sujet und dessen Urheber und Betreiber sind keine Erfindung des Wiener Dermatologen und Fachbuchautors, denn der Hofadvokat Leopold Paur lebte tatsächlich unter der Herrschaft der Erzherzogin und Kaisergattin sowie ihrer Söhne Josef II. und Leopold II., ehe er um 1800 verarmt aus dem Leben schied.

Wie weit sich Paur nun wirklich in die Wahnsinnsidee verstieg, aus einem unausgereiften Plan eine Lebensaufgabe zu machen, bleibt der Formulierungskunst und Phantasie des Autors vorbehalten, der nach zwei beachtlichen, nicht unsatirischen Fachbüchern über Österreich als "das Land zwischen den Gedankenstrichen" (2014) und die oftmals skurrilen Berufsbezeichnungen auf Wiener Grabsteinen den mutigen Schritt in die Fiktion wagt. Dass er sich die Freimauerei in der Epoche der Aufklärung als Rahmen für ein wahnhaftes Individualprojekt und -schicksal wählt, ist mutig. Immerhin bedarf es dafür eines stimmigen Aufbaus, einer exakten, zeitgemäßen Terminologie und einer ironieversetzten Fabuliergabe, welche den hohen Maßstäben eines Robert Musil oder Jörg Mauthe gerecht werden sollte.

Stadt auf dem Reißbrett

Anders als sein Held scheitert Andreas Schindl mit diesem utopisch anmutenden Romanprojekt nicht. Seine Begabung liegt darin, das Wiener Lokalkolorit wie auch die maurerischen Differenzen und Grabenkämpfe des 18. Jahrhunderts auf spannende und dabei unaufdringlich bildende Art zu vermitteln. Womöglich hätte auch Paur reüssieren können, denn die Stadt auf dem Reißbrett ist keine Erfindung der Jetztzeit oder eines österreichischen Kunstmalers um 1910, der ab 1933 zum Diktator wurde. So haben sich in den USA (Washington 1794) und (viel später) in Brasi-lien Architekten und Planer mit einer den Idealen der Aufklärung sowie der Moderne verbundenen Metropole befasst - und diese auch umgesetzt.

Bedenkt man, dass Washington in eine versumpfte Gegend mit mückenverseuchtem Feuchtklima hinein versetzt wurde, was die an Meeresluft und Gutshofatmosphäre gewöhnten, frankophilen Patrizier à la James Madison verstörte, so muss man rückblickend die Verwirklichung der Hauptstadt, die ihren Gründer gar nicht mehr beheimatete, als Wunder bezeichnen. Ein Wunder mit Abschlägen freilich, die nicht nur in der hohen Kriminalität zu sehen sind, sondern auch in der Erfolglosigkeit liegen, New York den Status der Wirtschaftsmetropole streitig zu machen. Man hat den Eindruck, die meisten Präsidenten "amtieren" und "residieren" in Washington D.C. zeitweise, wirklich leben aber wollen nur wenige im District of Columbia. In verkleinertem Maßstab gilt das übrigens auch für St. Pölten, das nur von Radl- und Hollabrunn sowie Klosterneuburg aus als "Regierungssitz" bereist wird, ohne den vormaligen Landeshauptmann und dessen Nachfolgerin wirklich zu beheimaten.