Aber zurück zur Utopie des
Leopold Paur, welche schon in ihrer unprofessionellen Finanzierung und Kommunikation zum Scheitern verurteilt war. Grundsätzlich interessierte sich der erfolgversprechende Hofadvokat schon frühzeitig für das Bauwesen, aber die "ideale Stadt" konzipierte er vermutlich als freimaurerische Arbeit. Zweifellos stand für diese Idee des gebürtigen Waldviertlers aus Altenburg bei Horn Thomas Morus mit seinem 1516 erschienenen Werk "Utopia" Pate. Zu den späteren berühmten Beispielen des Genres zählen u.a. Tommaso Campanellas Utopie "La città del sole" (1602), H.G. Wells’ "A Modern Utopia" (1905), Aldous Huxleys "Island" (1962) oder Ernest Callenbachs "Ecotopia" aus dem Jahre 1975. Schließlich die Wiener Stadtverwaltung mit der Seestadt Aspern (nicht ganz ernst gemeint, aber hier auch passend).

Finanzierungsmodell

Anders als die an die U-Bahn angebundene, jedoch menschen-
leere Seestadt, die der Steuerzahler finanziert, wollte Paur die ideale Stadt, die nördlich von Wien im Waldviertel gelegen wäre, mit Anleihen auf ein Medikament (eine Art frühes Antibiotikum als Heilmittel gegen die Syphilis) finanzieren. Er scheiterte schlussendlich an materiellen Nöten und technischen Problemen, obwohl er in einem - von Schindl packend erzählten - Initiationsritus selbst zum Maurer wird.

Seltsamerweise mutet gerade dieser Teil, den Schindl sehr berührend schildert, am wenigsten utopisch an. Die mächtige Bewegung der Freimaurer der theresianischen und josephinischen Epoche brachte nämlich ganz andere Projekte zustande als eine simple Kleinstadt. Kaum ein Pionier jener Zeit konnte ohne Hilfe der "masons" während der Regentschaft Franz Stephans und seiner Gattin, der Königin und Erzherzogin Maria Theresia, reüssieren. Der Kaiser selbst brachte mit Freunden das Zahlenlotto auf Schiene, das er in der Toskana kennengelernt hatte. Maria Theresia und ihr durchaus geliebter Gatte hielten "carati", Anteile als stille Teilhaber, mit denen sie sich an den erfolgreichen Visionen des Lotto-Pächters Ottavio Cataldi beteiligten. In Wien konnte Freiherr von Sonnenfels erstaunliche Leistungen mit Geldern aus Spielen, Manufakturen (Porzellan, Tabak) und Zöllen vollbringen, darunter eine Straßenbeleuchtung. Als ideelle Leistung gilt seine Grundlegung der Kameralwissenschaften und Nationalökonomie merkantilistischer Prägung.

Der empfehlenswerte Roman Schindls spielt in jener Epoche der Aufklärung, in welcher auch die Marktkommunikation bereits bedeutsam wurde. Genau auf dem Gebiet aber versagt der kluge und trotz Stottern gewandte Romanheld Paur kläglich. Statt sich des Netzwerks und der Medien der Habsburger Metropole (z.B. des "Wiener Diarium") zu bedienen, setzt er auf eine bedeutungslose Regionalzeitung in Regensburg, wo er den Reichstag und dessen Delegationen wähnt. Ein Jurist, der in höchsten Hofkreisen verkehrte, sollte nicht so kurzsichtig agiert haben.

Schindls Utopie "am rauen Stein" (Freimaurer-Symbol) lässt Paur vereinsamt für seine Vision sterben. Zwischen Grund- und Grabstein liegen indes fast 400 Seiten Lesevergnügen.