Für "Sie kam aus Mariupol" erhielt Natascha Wodin 2017, sehr zurecht, den Preis der Leipziger Buchmesse. Nicht nur erforschte Wodin darin die Leidensbiografie ihrer Mutter, sie zeigte zugleich am Schicksal der osteuropäischen Zwangsarbeiter ein weithin unbekanntes Kapitel in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Nun ist der Vater dran: "Irgendwo in diesem Dunkel" zeigt ihn als einen gewalttätigen, trunksüchtigen Mann, um Jahrzehnte älter als die Mutter. Allerdings ist er gesegnet mit einer außergewöhnlichen Singstimme, die ihm ein Dauerengagement beim Don-Kosaken-Chor einbringt.

Oftmals, etwa als die depres-
sive, ungeliebte Mutter sich mit nur 36 Jahren in der Pegnitz ertränkt, ist er auf Tournee. Ist er aber zu Hause, so kontrolliert, terrorisiert und verprügelt er seine Familie, die unter ärmlichsten Bedingungen in einer Stadtrandsiedlung für ehemalige Zwangsarbeiter lebt. Die Tochter hasst ihn - mit ganzem Recht: Alkoholisiert macht er einmal Anstalten, sie zu vergewaltigen, zögert jedoch im letzten Augenblick.

Es ist dies nur eine der vielen fürchterlichen Episoden aus Kindheit und Jugend, die Wodin in diesem Buch erzählt. Als Leser wünscht man sich nur, der autobiografische Bericht möge zu einem beträchtlichen Teil erfunden sein, etwa wenn sie ihre Doppelvergewaltigung durch einen iranischen Studenten schildert. Gleichwohl ist anzunehmen, dass hier wie bei den sonstigen Schilderungen von Missbrauch, Grausamkeit und anderem Schrecklichen (u.a. die erduldeten Züchtigungen in einem katholischen Kinderheim) die Wahrheit erzählt wird.

Über die erlittenen Traumata schreibt Wodin im Duktus einer distanzierten, mal bewusst naiven, mal sogar ironischen Haltung. Schonungslos hingegen geht sie mit sich selbst ins Gericht, wenn sie die Geschichte vom Tod des verhassten Vaters rekapituliert: Er, der sie all ihre Kindheitsjahre lang brutal verprügelte und grausam strafte, selbst für mindere oder nicht begangene Vergehen - als Greis ist er ein hilfloses Wrack:

"Es war genau das eingetreten, was ich mir als Mädchen so sehnlich gewünscht hatte: Er sollte leiden, er sollte alt, krank, hilflos und auf mich angewiesen sein." Wodin beschreibt genauestens, wie sie Rache- und Machtphantasien entwickelt, zugleich aber töchterliche Verantwortung spürt, weil das körperliche Elend ihres Erzeugers kreatürliches Mitleid auslöst.

Mit dem Ende der Schreckensherrschaft des Vaters über sie beginnt Wodin zugleich den Versuch, das Schweigen zu brechen, das der Vater lebenslang bewahrte: über seine erste Ehe, das Schicksal seiner Verwandten, über sein ganzes Vorleben: "Ich spürte nur immer und überall das Ungesagte, das Unsagbare, das wie ein undurchdringlicher Nebel war, wie Stickstoff, den ich ständig einatmete."

Es liegt auf der Hand, dass Natasha Wodin zur Schriftstellerin wurde, weil sie ein existenzielles Bedürfnis spürte, gegen das sie umschließende Schweigen anzuschreiben, und dies in der Sprache jener Gemeinschaft, die sie jahrzehntelang als unzugehörig behandelte. Mit dem Doppel der autobiografischen Bücher über ihre Eltern hat sie sich einen Platz in der vordersten Linie der deutschen Literatur erobert.