- © M. Loccisano/Getty Images/afp
© M. Loccisano/Getty Images/afp

Kein anderer Krimiautor liefert so häufig Vorlagen für erfolgreiche Hollywood-Filme wie Dennis Lehane. Mit seinen meisterhaften Plots und schillernden Figuren gilt der 53-jährige längst als Garant auch für Kinoerfolge. Vier Bestseller des irischstämmigen Autors, darunter "Mystic River" von Clint Eastwood und "Shutter Island" von Martin Scorsese, glänzten auf der Leinwand. Auch sein aktueller Roman "Der Abgrund in Dir", der gerade erschienen ist, wird verfilmt. Mit einem Mord auf einem Boot im Boston Harbor beginnt der amerikanische Thrillerspezialist, der im einst rauen Sozialklima des Bostoner Arbeiterviertels Dorchester aufwuchs, seine meisterhafte Charakterstudie über eine junge Frau in Angstzuständen.

"Wiener Zeitung": Dies ist Ihr erstes Buch, das vollständig aus der Perspektive einer Frau erzählt wird. Rachel Childs ist eine Figur, die im Laufe des Romans viele Ängste meistern muss. Hatten Sie ebenfalls Ängste, die Sie überwinden mussten, als Sie aus einer weiblichen Perspektive schrieben?

Dennis Lehane: Nicht wirklich. Ich wollte, dass sie agiert, denkt und klingt wie eine Frau. Auf jeden Fall wollte ich natürlich vermeiden, dass es klingt, wie ein Typ, der eine Frau beschreibt. Also habe ich versucht, besonders aufmerksam zu sein. Aber ich habe grundsätzlich eigentlich kein Problem damit, mich in die Rolle verschiedener Geschlechter oder Nationalitäten zu versetzen. Für mich kommt der Ärger immer dann, wenn ich versuche, in die Haut eines Mitglieds aus der Oberschicht zu schlüpfen. Ich kann den ganzen Tag über Außenseiter schreiben, aber nicht über die. Und deshalb fällt es mir also viel leichter, in jemandes Haut wie Rachel zu schlüpfen, als in die von jemandem wie Eric Trump, Donald Trumps Sprössling und Unternehmersohn.

Und wie haben Sie es vermieden, zu sehr aus männlicher Sicht zu schreiben?

Ich bemerkte, dass es mir am meisten in Szenen passierte, in denen Intimität oder Sex auftauchte. Ich ging durch das Manuskript und suchte nach allen Stellen, die ich finden konnte. Dann versuchte ich, sie zu korrigieren, indem ich mir vorstellte, wie Rachel im Gegensatz zu mir und meiner männlichen Art denken und fühlen würde.

Die Beschreibungen von Rachels Panikattacken sind sehr eindringlich. Ist das etwas, was Sie recherchiert haben, oder kennen Sie Ähnliches aus eigener Erfahrung?

Ich habe ein wenig recherchiert. Aber ich hatte tatsächlich vor ungefähr zehn Jahren gesundheitliche Probleme, die beängstigend genug waren, um nach einem Monat leichte Panikattacken auszulösen. Aus dieser Erfahrung stammt das Bild des Spatzen, der in Rachels Brust mit seinen Flügel flattert. Alles andere war eine Frage der ausführlicheren Beschreibung und Ausschmückung.