Familien und ihre komplexe Dynamik boten Autoren schon immer ein reizvolles Thema. Heutzutage leben Menschen in vielen verschiedenen Familienkonstellationen. Denken Sie, dass Familienbande zwischen biologischen Eltern und ihren Kindern stärker sind als alles andere?

Hängt von der Familie ab. In Rachels Fall würde ich das definitiv nicht sagen. Ihre Mutter war viel zu stark mit sich selbst beschäftigt, um die Bedürfnisse ihrer Tochter über ihre eigenen zu stellen.

Sie sind katholisch aufgewachsen und haben ein Jesuitengymnasium besucht. Inwiefern hat der Katholizismus Ihre Arbeit durchdrungen?

Schuld und Erlösung wie überhaupt der Wert der Seele ist Inhalt aller meiner Werke.

Haben bestimmte Autoren Ihre Arbeit beeinflusst?

Hunderte, aber die, die mir sofort in den Sinn kommen, sind Richard Price, Raymond Carver, Flannery O’Connor, Elmore Leonard, Alexandre Dumas und Graham Greene.

Gibt es ein zentrales Thema, das Sie immer wieder auftaucht und sich durch Ihre Thriller zieht?

Da sehe ich einige. Vor allem die Frage: Was ist Familie? Ist es diejenige, in die du hineingeboren wurdest, oder jene, die du selbst in die Welt bringst? Ein anderes Thema, über das ich mir oft den Kopf zerbreche, ist, dass alle Unterschiede - egal ob sie kultureller, religiöser oder politischer Natur sind - meist unter einem Vorzeichen gesehen werden müssen: dem Kampf zwischen der besitzenden, herrschenden Klasse und den Have-Nots. Klassengegensätze sind immer subtil präsent. Die Herrschenden sind einfach sehr gut darin, die Have-Nots dazu zu bringen zu denken: Die, die mehr haben, haben sich das verdient. Diese Überzeugung ist tief in Amerika verankert. Dass viel mehr Geld als Steuererlasse an Firmen wie zum Beispiel Exxon gewährt wird, als all die angeblich faulen Menschen, die auf Wohlfahrt-Dollars angewiesen sind, je erhalten würden, wird nicht realisiert. Und so bringen sie die Armen dazu, gegeneinander zu kämpfen. Die Reichen machen das seit Jahrhunderten. Die Überzeugung meines Vaters jedoch war: "Wir gehören alle zur Arbeiterklasse, also sollten wir auch alle gemeinsam an einem Strick ziehen." Und drittens geht es in meinen Büchern immer auch über verlorene Seelen, die nach einem Zuhause in der Welt streben.

Auch "Der Abgrund in Dir" wird nach "Mystic River", "Gone Baby Gone", "Live by night" und "Shutter Island" verfilmt. Ändert sich die Beziehung zu einem Ihrer Bücher, nachdem es verfilmt wurde?

Nein. Ganz und gar nicht. Das Buch ist das Buch und der Film ist der Film. Niemals werden sich diese Zwillinge in die Quere kommen. Das ist vollkommen bizarr. Ich konnte mir jeden "meiner" Filme auch nur einmal angucken. Wenn ich ein Buch schreibe, läuft bei mir im Kopf kein Film ab. Wenn ich schreibe, sehe ich ein Leben vor mir und schaffe eine Welt. Dieses Buch dann 1:1 zu verfilmen, würde einen 19-stündigen Film ergeben. Die Aussage, dass Autoren filmisch schreiben würden, ist daher meiner Meinung nach ziemlich idiotisch - denn die Bücher waren zuerst da.