Ohne Pfeife kein Georges Simenon. - © afp
Ohne Pfeife kein Georges Simenon. - © afp

Ja, was denn nun? - Meisterstilist oder Stümper? So ganz einig wird sich die literarische Welt wohl nicht mehr über Georges Simenon. William Faulkner beispielsweise fühlte sich gar an Anton Čechov erinnert, und André Gide meinte gar, Simenon sei "möglicherweise der größte und natürlichste Romancier, den die französische Literatur heute besitzt." Na bitte: Zwei Literaturnobelpreisträger können nicht irren. (Es ist eine übersehbare Unstimmigkeit, dass Gide den belgischen Autor für die französische Literatur reklamiert.) Was zählt da schon die Stimme des deutschen Feuilletonisten Jochen Schmidt, der Simenon für heillos überschätzt hielt? Andererseits: Schmidt war zwar vor allem Tanz-Experte, aber auch für die literarischen Dinge hatte er eine feine Nase.

Irgendetwas scheint nicht zusammenzupassen. Der "Fall Simenon" hält die Literaturkritik weiter in seinen Klauen. Der "Fall Simenon" - das geht auf den französischen Autor Robert Brasillach zurück, der bereits 1932 zwei Charakteristiken Simenons herausgearbeitet hat: Seiner Auffassung nach stehen Simenons Beobachtungsgabe und das Gespür für Atmosphäre einer sprachlichen Nachlässigkeit gegenüber.

Der Vielschreiber

Nahezu ein Wunder wäre es, wäre es anders. Simenon war nämlich ein Vielschreiber: 75 Kriminalromane über seinen weltweit bekanntesten Helden, den Kommissar Maigret, 118 Nicht-Maigret-Romane, 167 Erzählungen, dazu kommen Reportagen, Hörspiele und Drehbücher, weiters ungefähr 200 Romane für Groschenhefte, die Simenon unter Pseudonymen verfasst hat, und mehr als 1000 ebenfalls unter Pseudonymen veröffentlichte Erzählungen. Wo hat der Mann nur die Zeit hergenommen, obendrein, seiner eigenen Aussage zufolge, mit 10.000 Frauen zu schlafen? Nun gut, seine Frau meinte, die Zahl sei arg übertrieben, es seien nur ("nur"!) etwa 1200 gewesen. Dennoch. . .

Was die literarische Produktion Simenons betrifft: Dass zwei Verlage des deutschen Sprachraums, der Schweizer Kampa und der deutsche Hoffmann und Campe, kürzlich eine Simenon-Ausgabe gestartet haben, ist also ein gewaltiges Unterfangen - auch dann, wenn bei etlichen Romanen die alten Übersetzungen nur überarbeitet werden. Alle "Maigrets" sind versprochen, dazu "alle großen Nicht-Maigrets". Aber was heißt schon "groß"? Oder wird es doch eine "Gesamtausgabe", wie es im deutschen Feuilleton mehrfach geschrieben steht? Die Verkaufszahlen werden wohl die Entscheidung treffen. Erschienen sind vorerst jedenfalls einmal die "Intimen Memoiren" und, richtiges Zählen vorausgesetzt, zwölf Maigrets und zehn Nicht-Maigrets, darunter ein Band mit vier kurzen Kriminalerzählungen.