Der Tod des Romans ist schon öfters ausgerufen worden. Stets fälschlicherweise. Diese Erzählform ist nämlich fürs Erste nicht totzukriegen, obwohl man beim Blick in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur geneigt ist, zum Schluss zu kommen, dass sich die Gattung mittlerweile durchaus überholt hat. Wirklich herausragende Beispiele für die Form lassen sich jedenfalls nicht viele benennen. Die These, dass Netflix-Serien vielmehr die neuen Romane sind, scheint da wirklich nicht mehr allzu abwegig.

Wie dem auch sei, mit Judith Schalanskys neuem Erzählwerk begegnet uns ein ganz außerordentliches Prosabuch, ein mehr als würdiger Nachfolger ihres Romans "Der Hals der Giraffe" von 2011. Auf das erzählerische Rüstzeug von Protagonisten und kohärenter Handlung verzichtet sie jedoch im neuen Buch, das insofern formal eher dem 2009er "Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde" nahesteht. Auch das "Verzeichnis einiger Verluste" verrät bereits im Titel, worum es geht: Der Band versammelt Texte über zwölf verlorengegangene, verschollene oder bewusst zerstörte Kunstwerke, Tiere, Gebäude und so weiter. Eine schöne Idee: die Literatur als Bewahrerin des Unwiederbringlichen.

So etwas wie eine kleine Poetik eines Schreibens, das sich als ein Versuch der Restitution des Verlorenen versteht, entwickelt Schalansky zu Beginn des Buchs, indem sie in der Vorbemerkung einem Katalog verschwundener und verlorener Dinge exakt eine Druckseite widmet, darunter die in der Atmosphäre des Saturn verglühte Raumsonde Cassini, der von Unbekannten gestohlene Kopf der Leiche des Regisseurs Friedrich W. Murnau - oder das letzte männliche Exemplar des Nördlichen Breitmaulnashorns. Und exakt eine Druckseite nimmt auch die Rückseite dieses Verlustverzeichnisses ein, die ebenso viele Sachen auflistet, die neu aufgetaucht sind: etwa ein bis dato unbekannter Roman von Walt Whitman, eine zuvor nicht beschriebene Wespenart oder ein 1400 Lichtjahre von der Sonne entfernter Himmelskörper, der ähnliche Lebensbedingungen wie unsere Erde aufweist.

Der Hintersinn ist nur unschwer zu erkennen: "Verzeichnis einiger Verluste" will keine billige Klage sein über das Verlorene, sondern Kartografie des Verschwundenen, die bewusst macht, dass durch literarische Erinnerungsarbeit zugleich etwas Neues entsteht, das das Vermisste bewahrt. Denn just dies gelingt Schalansky: Sie findet literarisch jeweils anders ausfallende Lösungen in ihrer Annäherung an das Verschwundene. So antwortet sie etwa auf den Verlust des Caspar-David-Friedrich-Gemäldes "Der Hafen von Greifswald", das 1931 bei einem Brand zerstört wurde, durch eine detailgenaue Beschreibung eines kleinen Küstenfleckens bei Greifswald - ein Kabinettstück deutschsprachigen nature writings.

In den anderen Texten, die übrigens allesamt jeweils exakt 15 Seiten lang sind, erprobt Schalansky innere Monologe, dann wieder ahmt sie den Duktus des Deutschen im 19. Jahrhundert nach oder verfällt in einen sachbuchartigen Stil. Tastender Essay und konventionelle Kurzgeschichte sind weitere Modi ihres Schreibens. Dennoch fügen sich die disparaten Texte zu einem organischen Ganzen, sind sie doch verbunden durch den rettenden Gestus, der das Verschwundene im Wort zu konservieren sucht.