In einem Zug von Klagenfurt nach Wien, in den nach dem Aussteigen einer aufgeregt lärmenden und herumwuselnden Schülergruppe etwas Ruhe Einzug gehalten hat, sitzt ein Autor in einem Abteil und schreibt. Er hat eine Schreibunterlage auf den Knien, neben ihm liegt eine zerknautschte Tasche, in der sich mindestens zehn Bücher und etwas Wäsche befinden. Der Autor versinkt lustvoll in den Vorgang des "Kritzelns", wie es Kafka genannt hat. Wort für Wort bannt er auf ein weißes Blatt. Die Kürzestgeschichte von Janko Ferk hat eine Pointe: weiße Socken. So lautet auch ihr Titel, der zum Nachdenken anregt.

Raum für Gedanken

Die in Österreich leider seltene Kunstform der Kürzestgeschichte lässt Raum für Phantasie - etwa über die Schülergruppe, die darin gar nicht vorkommt - und sie belässt den Lesenden allein mit seinen Gedanken und Interpretationen. Hier bleibt Raum auf dem weißen Blatt der Buchseite, nur verbietet es sich, anders als virtuell darauf weiter zu schreiben.

Janko Ferks "story" regt an, da-rüber nachzudenken, wie wohltuend gleichgültig und unaufgeregt der Autor weiße Socken ansieht. Dennoch schwingt sich des Lesers Geist, Geruchs- und Tastsinn bemühend, unwillkürlich in ungeahnte Höhen, er denkt an Polyesterhemden, an des Ex-Bundeskanzlers rote Socken in der Hofburg oder an die soziale Konnota-tion weißer Socken, die einst als "unmöglich", noch früher aber als sportlich galten und auch im Freizeitbereich "hip" waren und heute sogar schon wieder als unkonventionelle Provokation maskuliner Träger durchgehen können.

Die weißen Socken haben auch eine dialektische Bedeutung, wenn die Füße, welche sie wärmen und schützen sollen, einem Berufsrichter wie Janko Ferk gehören. Denn das "Amtskleid" des Richters verlangt eine dunkle Krawatte und schwarze Socken oder Kniestrümpfe. Widmet sich aber ein Richter außerhalb des Dienstes dem Sport oder dem Schreiben, dann bedeuten weiße Socken auch Bewegung, Ungezwungenheit und Freiraum.

Der Sammelband "Zwischenergebnis", dessen Gesamttitel als vorläufige Lebens- und Schaffensbilanz keiner Erläuterung bedarf, vereint anlässlich des 60. Geburtstags von Ferk (11. Dezember) belletristische Texte in chronologischer Reihenfolge. Nicht alle sind so kurz wie die "weißen Socken", die nur bis zur Wade reichen, es finden sich auch Kurzgeschichten, Novellen, experimentelle Prosa. Ein Lieblingstext des Rezensenten ist "Er", in dem das "Klimpern" einer Gitarre im Nebenraum förmlich hörbar wird, das im Text nur "er" vernimmt.

Ferk meint hier die rohe Behandlung des Instruments, in der Regel klimpern ja Unkundige auf Tasteninstrumenten, so wie der Rezensent einst auf dem "Blüth-ner" der Großmutter Clara in Währing oder auf dem Pianino der Tante Marietta in Gaaden.

Beim Wort nehmen

Es gibt freilich Virtuosen, welche als Pianisten eine Gitarre wie ein Klavier spielen können, etwa der amerikanische Meister Ralph Towner, der auch schon in Kärnten, unweit von Ferks Heimatort, aufgetreten ist. Dreiecke kommen in der Geschichte ebenfalls vor, und schon beflügeln diese die Phantasie wieder: das Plektrum ist dreieckig, aber auch so manches Abzeichen. "Indem ich den Gedanken beim Wort nehme, kommt er", könnte nach Karl Kraus das Motto des lustvoll Schreibenden und feinsinnigen Formulierenden lauten. Beim Lesen heißt es auf alle Einzelheiten zu achten, auch auf die slowenischen Topografica. "Landvermessung auf literarischem Weg" hat dies Konrad-Paul Liessmann treffend genannt.

Robert Gernhardt verfremdete den Wörthersee, den der am Klopeinersee geborene Ferk oft besucht (und von wo es nicht weit ist zum Klagenfurter Landesgericht, wo er als Richter wirkt), ganz bewusst zum "Wörtersee". Im "Zwischenergebnis" erkennt man, wie selektiv und sensibel Janko Ferk aus dem großen See der Wörter fischt, um uns Lesern zu Genuss und Reflexion zu verhelfen. Ad multos annos!