Starb vor 55 Jahren, genau am selben Tag wie J. F. Kennedy: Aldous Huxley. - © Charles Sheeler / Getty Images
Starb vor 55 Jahren, genau am selben Tag wie J. F. Kennedy: Aldous Huxley. - © Charles Sheeler / Getty Images

Sein Tod am 22. November 1963 war nahezu unbeachtet geblieben. Dass am selben Tag, als in Texas Präsident Kennedy ermordet wurde, in Los Angeles ein bedeutender englischer Autor gestorben war, konnte die Weltöffentlichkeit inmitten der Aufregung, die damals herrschte, nicht erreichen. Aldous Huxley war wenige Stunden nach den Schüssen von Dallas seiner Krebskrankheit erlegen.

Allerdings stand der weltberühmte Autor von "Schöne neue Welt"("Brave New World") mit seinem übrigen Werk schon damals nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit. In der Zeit zwischen den Kriegen indes etablierte sich der Nachfahre einer berühmten Gelehrtenfamilie als vielbeachteter Romancier und Essayist. Den Rang des herausragendsten seiner gesellschaftskritischen Werke nimmt der Roman "Kontrapunkt des Lebens" ("Point Counter Point") ein, der bei seinem Erscheinen wegen der Vielschichtigkeit des formalen Aufbaus und der Vielstimmigkeit der Handlungsträger als kühner Fortschritt der Erzählkunst akklamiert wurde.

Klassendünkel

Darin wird der zeitgenössischen Londoner Upper-Class-Society ein Spiegel vorgehalten, der ihre Pro-tagonisten - Aristokraten, Intellektuelle, Faschisten, Salonbolschewisten - alles andere als schmeichelhaft erscheinen lässt.

Kühn war die Verschränkung von Erzählung, Essay und Briefen in einem Roman, dessen Charaktere der Autor als Ideenträger gegeneinander antreten und durch ihr kontrapunktisches Handeln den Widerspruch zwischen ihren sinnlichen und geistigen Ansprüchen enthüllen lässt.

Noch genießt England in dieser Zwischenkriegszeit den Rang einer Weltmacht. Noch regiert es ein Empire. Noch ist sein Stolz ungebrochen. "Warum ist Indien rot?", wird der kleine Phil, Sohn des Protagonisten Philip Quarles, gefragt. "Weil es englisch ist?", antwortet der Schüler unsicher. "Weil rot Englands Farbe ist", bekräftigt die Lehrerin emphatisch.

Klassendünkel und Eigenliebe sind die vorherrschenden Eigenschaften. Die Menschen, denen Huxley auf langen Strecken folgt und denen seine kritische Refle-xion gilt, sind von beidem geprägt. Ihre Eigenheiten spiegeln jenen hellen Individualismus vor, an dessen Beständigkeit der Autor nachdrücklich zweifelt. Am ausdrucksvollsten wird dieser Argwohn an der Figur des Schriftstellers Philip Quarles festgemacht, die offenkundig ein kritisches Selbstporträt Huxleys darstellt.

Wir lesen heute diese nachdrückliche Skepsis des Autors mit anderen Augen. Das Ideal der Individualität hat keine Konjunktur mehr. Wir leben in Zeiten, da das Individuelle durch Regeln und Vorschriften durchweg so zerkleinert wird, bis es die Passform des leicht Handhab- und Gängelbaren erreicht hat. Eigenart und Passionen sind unter diesem Regiment der Mäßigung unerwünscht. Vielmehr löst sich Identität immer mehr auf, wird vielfältig, unbestimmbar. Charakterstarke Besonderheit, souveräne Eigentümlichkeit sind da weitgehend ein staunenswerter Luxus.