Individualität setzt Substanz voraus: Selbstbewusstsein und Beständigkeit in der Selbsteinschätzung. Die Männer in Huxleys Roman finden diese Haltung kaum mehr. Der windige Faschistenführer Everard Webley ergeht sich in nationalistischen Tiraden und umwirbt Quarles Ehefrau Elinor. Sein ideologischer Gegenspieler Illdige träumt von der kommunistischen Revolution und hasst als Biologieassistent den Kapitalismus seiner Mäzene. Widerwillig dient er dem Physiologen Edward Tantamount, der allem Reichtum zum Trotz seine ganze Leidenschaft der Untersuchung von Wassermolchen und anderen Amphibien widmet. Rampion, ein malender Kraftprotz, liebäugelt mit Nietzsches Wortgewalt und hält Gericht über eine blutleer gewordene Zivilisation. Den zynischen Müßiggänger Spandrell hingegen treibt die Lust um, künstlerische Nachwuchstalente zu sexuellen Ausschweifungen zu verführen: "Es ist ein Zeitvertreib und mildert die Öde des Daseins".

Und über Burlap, einen frömmlerischen Zeitungsherausgeber, heißt es: "Seine stets wiederkehrenden Artikel zum Lob der Ehe hatten lyrischen Schwung. Er war häufig untreu; aber er hatte eine solch reine, kindliche und platonische Art, bei Frauen zu schlafen, dass weder sie noch er den Vorgang jemals wirklich als Beischlaf empfanden."

Augenöffner

Mehr unverwechselbare Eigenart hat Huxley dem weiblichen Personal seines Romans zugestanden. Vor allem die Femme Fatale Lucy Tantamount sprüht geradezu vor Selbstsicherheit und launischem Übermut: Eine moderne Frau von überlegener Selbstständigkeit, die sich selber aussucht, wem sie mit Hingabe ihre Gunst erweist. Als "harte und rücksichtslose Genussjägerin" empfindet sie der weichliche Journalist Walter Bidlake, ehe er die kühle Verführerin vergeblich mit seinen Liebesgefühlen einzudecken sucht.

"Es ist an uns freien und disziplinierten Engländern, unser Land von den Sklaven zu befreien, die es versklavt haben", blökt der Faschistenführer Webley, und weiter: "Die Religion der Demokratie ist die Anbetung des Durchschnittsmenschen." Worauf ihm eine Heerschar von Durchschnittsmenschen frenetisch Applaus zollt. Man erschrickt: Der Roman erschien 1928.

Er ist ein Leseerlebnis, das Augen öffnet und den Blick erweitert. Schade nur, dass Herberth E. Herlitschkas verdienstvolle Erstübersetzung von 1930 in der Neuausgabe noch immer unkorrigiert erscheint. Was ist ein "Gesellschaftsauto"? Oder ein "Grünkrämer"? Und mit "Er gab ihrer Hand einen letzten Schüttler" verabschiedet sich gewiss kein Gentleman.