Kai Strittmatter ist mit Sicherheit einer der besten China-Korrespondenten, nicht nur im deutschsprachigen Raum. Einerseits kennt er das Land außergewöhnlich gut, andererseits weisen seine Texte immer eine gewisse literarische Qualität auf. Das war auch bei seinen bisherigen Büchern so; seine "Gebrauchsanweisung für China" sollte jeder gelesen haben, der sich mit dem Land beschäftigen möchte. Sein neues Buch fällt ungleich düsterer aus als die bisherigen Werke des Bayern, denn "Die Neuerfindung der Diktatur" ist eine Dystopie - mit dem traurigen Unterschied, dass es sich hier um keine Fiktion, sondern die Realität handelt.

In seiner Analyse beschäftigt sich der langjährige Mitarbeiter der "Süddeutschen Zeitung" mit dem China Xi Jinpings, dem es gelungen ist, ein totalitäres System mit neuen, technischen Möglichkeiten noch totalitärer zu machen. Strittmatter beschreibt, wie unter Xis Herrschaft auch die letzten Schlupflöcher geschlossen wurden und die Gesellschaft nun endgültig im digitalen Käfig der Kommunistischen Partei Chinas eingesperrt wird.

Am digitalen Pranger

Besonders eindrucksvoll ist seine Schilderung des "Sozialkreditsystems", das jeden chinesischen Bürger bewerten soll und entsprechend ihren Handlungen Punkte verteilt. Wohlverhalten - oder zumindest das, was der Staat dafür hält -, wird mit Pluspunkten belohnt, also beispielsweise das Lesen der Schriften von Marx und Xi Jinping. Wer hingegen bei Rot über die Ampel geht, muss mit Minuspunkten rechnen und wird, für alle sichtbar, an den digitalen Pranger gestellt. Zu einem Pranger ganz anderer Art hat sich das staatliche Fernsehen entwickelt. Dort müssen "Staatsfeinde" wie Rechtsanwälte, Bürgerrechtler, NGOs oder missliebige Journalisten in regelmäßigen Abständen tränenreiche Geständnisse ablegen und ihre angeblichen Fehltritte der breiten Öffentlichkeit beichten. Häufig wird dieses Schmierentheater mit einer Prise Sex & Crime gewürzt. Wenn die Beschuldigten Glück haben, können sie nach diesen Shows zwar mit einer milden Strafe rechnen, gesellschaftlich sind sie jedoch ruiniert.

Strittmatter beschreibt, wie auch westliche Technologiefirmen bei der Entwicklung dieses allumfassenden Kontrollstaates mitgewirkt haben und wie sich das Leben in der digitalen Diktatur anfühlt. Am Ende steht angesichts der Wahlerfolge von Populisten wie Donald Trump eine eindringliche Warnung: Chinas Stärke schwächt den Westen, und das System der digitalen Diktatur ist nicht exklusiv auf China beschränkt, sondern durchaus als Exportartikel gedacht.

Strittmatters Befund ist somit ebenso erschreckend wie aktuell, womit auch der einzige Kritikpunkt dieses Buches einhergeht: Seine bisherigen Texte zeichneten sich immer durch einen profunden Witz und gründlichen Humor aus. Dieser fehlt bei seinem neuen Buch zur Gänze, was andererseits durchaus folgerichtig ist. Denn, wie Strittmatter selbst schreibt: Diktaturen verstehen keinen Spaß.