Wie die Vorlage gliedert sich auch die Comicbearbeitung in zwei Teile, "Grünkranz" und "Onkel Franz", betitelt nach den Direktoren des Internats. Die berühmte Intro Bernhards, die Hasstirade - bis hin zu exzesshaften Adjektivakkumulationen - auf die Bewohner der Stadt und ihren "durch und durch menschenfeindlichen architektonisch-erz-
bischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden" spart der Zeichner aus. Der Comic in Schwarzgrauweiß setzt dagegen mit Bernhards Beschreibung des beengenden Internatslebens und seiner alles bestimmenden Figur, des "Muster-SA-Offizier(s)" Grünkranz ein, die den Jugendlichen in äußerste Verzweiflung treiben. In schmalen Hochkantpanels übersetzt Kummer die kerkerhafte Enge des Internats. Während Bernhards Sätze kaskadenartig über mehrere Reihen von Bildkästchen stürzen, zeigen die Panels in serieller Wiederholung Ausschnitte, den Rhythmus der Sätze spiegelnd. Dass die Zeichnungen insgesamt dem Text gegenüber vorsichtig zurücktreten, so der Autor, sei beabsichtigt. Auch die Figuren, einschließlich Bernhards jugendlichem Alter Ego, bestehen vorwiegend aus Umrissen.

Neben Grünkranz’ erniedrigenden Ritualen der Gewalt gegen die Zöglinge sind es die Bombardierungen, die zu Bernhards erschütternden wie prägenden Erlebnissen gehören. Tatsächlich geht es dem Autor Bernhard um diese Ursachen, die seine Persönlichkeit wie seine Erkenntnisse geformt haben. Und dazu gehört die symmetriehafte Fortsetzung seiner erzieherischen Erfahrungen im zweiten Teil, unter katholischer Ägide. Denn der dem Direktor zur Seite gestellte Präfekt hatte "auf katholische Weise das Erbe des nationalsozialistischen Grünkranz angetreten".

Déjà-vu

Man ist versucht, in dieser Lebenserfahrung des Autor Bernhards den Ursprung seiner zur Meisterschaft verfeinerten, unablässig variierenden Technik der Wiederholung zu erkennen. "Zum zweiten Mal war ich in die Katastrophe hineingekommen", heißt es da, und "so wechselte ich von der einen Hölle in die andere." Indem der Zeichner Kummer zu Beginn des zweiten Teils genau die gleiche Abfolge von Panels vom Anfang des ersten Teils wiederkehren lässt, brennt sich diese Déjà-vu-artige Wiederkehr des Nationalsozialistischen im Nachkriegskatholizismus als höchst irritierende Wiederkehr des Gleichen ins Gehirn des Lesers ein. Dem lässt sich ein weiteres gelungenes Beispiel grafischer Umsetzung anfügen: So enthält der Comic zwar keine Sprechblasen, doch nach den Bombardierungen steigen seitenweise Rauchschwaden aus den Trümmern der Stadt, die als kohlschwarze Sprechblasen der röchelnden Sterbenden und der Toten von Salzburg deutbar sind.

Schließlich gibt es eine herausragend positive Figur bei Bernhard: seinen Großvater, den Schriftsteller. Als der jugendliche Bernhard diesen gegen Ende der Erzählung besucht, fallen die bisher hochkant gezeichneten Panels um und breiten sich horizontal aus. Wie ein spätes grafisches Echo erinnern die weiten Panels an die Särge, in denen die Selbstmörder - die aus Verzweiflung sich aus dem Fenster gestürzten Zöglinge - aus dem Naziinternat getragen wurden. Während sie ihre einzige Möglichkeit, der nationalsozialistischen Erziehungsfolter zu entfliehen, im Selbstmord sehen konnten, fand Bernhard seine Rettung am Ende durch seinen Großvater.

Als Teil der fünfbändigen Autobiografie lässt Kummers Comicumsetzung auf eine Fortsetzung schließen: Im Herbst 2019 folgt Bernhards "Der Keller".

Thomas Bernhard, Lukas Kummer:

"Die Ursache. Eine Andeutung."
Graphic Novel. Residenz Verlag, 2018