Am Beginn des Mittelalters stand ein Ende: Das weströmische Reich ging nicht zuletzt am brüchig gewordenen Grenzschutz zugrunde. Es mangelte an Steuergeld für das Militär, um die territoriale Integrität zu sichern. Die "Barbaren" genannten Eindringlinge, die alle Grenzen überrannten, drängten an die Töpfe des Reichs. Teilweise machten sie sich die Errungenschaften der römischen civilitas zu Nutzen, teilweise brachten sie Gewalt und Verwüstung.

Mehr als 300 Jahre später zogen Karl der Große und seine Nachfolger aus dem Desaster des weströmischen Untergangs Schlüsse: Sie festigten die Grenzen ihres Großreichs durch stark militarisierte Regionen. Erst diese "Marken" brachten den gefährdeten Randbezirken des Reichs Sicherheit. Die Grenzmarken wurden von den nachfolgenden Herrschern des Heiligen Römischen Reichs fortentwickelt.

Allerdings konnte diese Wehrhaftigkeit die spätere territoriale Zersplitterung vormals einheitlicher Strukturen im Mittelalter nicht aufhalten. Indes: "Eines blieb das ganze Mittelalter hindurch konstant, nämlich die Bedeutung der alten Grenze des römischen Imperiums", schreibt der englische Historiker Chris Wickham. "Die Infrastrukturen der römischen Welt, vor allem die Straßen und das Netzwerk der Städte, waren immer noch von Bedeutung: in Frankreich, in Spanien, in Italien und nicht zuletzt im Osmanischen Reich (. . .) überwog die Kontinuität mit der Vergangenheit. Faktisch verlor die römische Grenze ihren prägenden Einfluss erst ab dem 18. Jahrhundert."

In seinem großflächigen Überblick über die mittelalterliche Geschichte Europas von 500 bis 1500 untersucht Wickham vor allem die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs bis zur Reformation. Vielfalt und Wandel sind die Leitmotive seiner Darstellung. Stets wird auf die Bedeutung des Steuerwesens für die Bildung von wechselnden Machtstrukturen und Kriegsheeren, aber auch von örtlichen Gemeinwesen verwiesen.

Alternatives Denken

Die schubweise Bekehrung von Nord- und Osteuropa zum Christentum brachte nicht nur eine religiöse Vereinheitlichung Europas, sondern beförderte auch die Verbreitung der Lese- und Schreibfähigkeiten in immer größeren Teilen des Kontinents. Die zentrale Rolle spielten dabei im Frühmittelalter die Klöster, auch als Zentren der Ackerbau-, Heil- und Pflanzenkunde. Im Hochmittelalter übernehmen die Universitäten den Bildungsauftrag für Eliten, später stärkten die Kenntnisse immer breiterer sozialer Schichten die Entwicklung von politischer Öffentlichkeit, auch im Rechtswesen.

"Medieval Europe" (Mittelalterliches Europa) heißt Chris Wickhams Darstellung im Original. Der Autor möchte sich nicht auf nationalgeschichtliche Einschränkungen oder zielgerichtete (teleologische) Themensetzungen einlassen. Stattdessen durchquert er das Mittelalter von Etappe zu Etappe, gleichsam wie ein geschichtskundiger Leistungssportler.

Dabei verliert er sich zuweilen in Detailgeschichten von Stämmen und Völkerschaften. Dem Überblick ist dies nicht eben nützlich. Die ständigen Einschübe "Darauf kommen wir später noch zu sprechen" nerven. Immerhin bietet der Blick des Oxford-Mediävisten Wickham eine ausgiebige Alternative zu den gängigen Mittelalter-Bildern kontinentaleuropäischer Forscher.

Sachbuch

Das Mittelalter.
Europa von 500 bis 1500

Von Chris Wickham, Klett-Cotta: 2018, 506 S., Abb., 35 Euro.