Dicke Wälzer können zumindest Schlafstörungen kurieren. - © WZ-Illustration/ham
Dicke Wälzer können zumindest Schlafstörungen kurieren. - © WZ-Illustration/ham

Und ob es auf die Länge ankommt! Die langen braucht niemand. Die sind schlapp und ermüdend. Die kurzen sind konzentrierter. Die kurzen halten bei Laune. Obendrein kann man in weniger Zeit mehr von ihnen genießen.

Um Romane dreht es sich, bitte, um Romane! Ein Schelm, der da andere Gedanken hegt.

Der Wälzer ist heute in Mode. 500 Seiten muss das Buch haben, meint der Durchschnittsautor unserer Tage, besser mehr. Gerade der Tausendseiter ist irgendwie eine Schmerzgrenze. Aber kein Autor unserer Zeit hat eine Handlung, und vor allem hat keiner eine Sprache, die irgendetwas rechtfertigt, was 300 Seiten übersteigt.

Die Ausnahmen

Ja, natürlich: Ausnahmen bestätigen die Regel. "Horcynus Orca" von Stefano d’Arrigo ist solch eine auf beinahe 1500 Seiten. Aber Hand aufs Herz: Wie viele Romanautoren dieses Formats (da ist jetzt, um in der Zeit nach 1900 zu bleiben, die Rede von Marcel Proust, Franz Kafka, Hermann Broch, James Joyce, Hans Henny Jahnn und Thomas Mann) gibt es im Moment?

Es ist ja auch nicht der hochliterarische Dickwanst, der verstimmt. Der Rumäne Mircea Cartarescu hat schon Gründe für 700 Seiten und mehr. Was verstimmt, ist die endlos ausgedehnte Genreliteratur. Liebesromane, deren Autoren man wünschen würde, es gäbe ein Medikament gegen ihre Verbaldiarrhoe. Wenn ein Goethe seinen "Werther" auf rund 200 Seiten und Tschingis Aitmatow seine "Djamilia" auf etwa 130 Seiten unterbringt, kann niemand behaupten, der nicht Jane Austen ist, er würde für die Liebe 500 Seiten und mehr benötigen. Das gilt gleichermaßen uneingeschränkt für Krimi, Thriller und Horrorliteratur, wobei diese sowieso am besten in der Kurzgeschichte zu Hause ist, was ein Stephen King mit seinen Sechshundertseitern wie kein zweiter Buch für Buch beweist. Welchen Schrecken hat der Grusel-King erfunden, der sich nicht um Klassen besser bei Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft oder Jean Ray findet?

Umfangreiche Krimis sind ohnedies Problemfälle, weil das Umherirren des Ermittlers von Befragung zu Befragung mehr ermüdet. Agatha Christie und Georges Simenon sind niemals ausgeufert - und gegenwärtige Großmeisterinnen und Großmeister tun es ihnen gleich, ob sie nun Donna Leon oder Andrea Camilleri heißen. Und würde man aus den modernen Thrillern alle Schilderungen von Metzeleien und sadistischem Sex entfernen, die keinen Beitrag zur Handlung liefern, lägen sie bei 200 Seiten und darunter, ganz so, wie die unerreichten Großmeister E.T.A. Hoffmann und Leo Perutz es vorgemacht haben.