Das norwegische Bergen ist die regenreichste Stadt Europas. Und das schlägt den Bewohnern naturgemäß aufs Gemüt: "Viele schaffen es nicht, längere Zeit in Bergen zu wohnen; der gefängnisartige Regen, das feuchte Eingesperrtsein zwischen den Bergen macht einen krank und lebensmüde. Man ist gezwungen, hinter verschlossenen Türen zu leben, allein oder in kleinen Familien. Man geht von Haus zu Haus, von Lokal zu Lokal, von Bar zu Bar, von Drinnen zu Drinnen."

Tomas Espedal ist gebürtiger Bergener und neben Karl Ove Knausgård (der in Bergen studierte) der derzeit bekannteste norwegische Schriftsteller. Seine autobiografischen Schriften (die stets ohne Gattungsbezeichnungen auskommen) sind eine Art fortgesetzter Lebensroman, der sich vielfältiger literarischer Formen bedient und das eigene Ich in unterschiedlicher Intensität in den Mittelpunkt rückt. Kindheitserinnerungen, Reisen, die Gegenwart, die vielfach von Schwermut und Alkohol geprägt ist - all das konstituiert den literarischen Kosmos Espedal. Noch kompromissloser als sein Freund Knausgård beharrt Espedal auf der antifiktionalen Wirklichkeitsorientierung seines Schreibens: "Wir dürfen uns nicht in einem Gedicht und einem konstruierten Universum verlieren, in falscher Literatur; (. . .) wir müssen das Wirkliche mit all unserem Ernst und all unserer Kraft beschreiben, sagte ich."

Mit "Bergeners" spielt Espedal auf die berühmte Kurzgeschichtensammlung "Dubliners" von James Joyce an, ohne sich aber wirklich am großen Vorbild zu orientieren. In Geschichten, tagebuchartigen Notaten und Gedichten umkreist er seine Geburts- und Lebensstadt. Dabei erreicht er nicht ganz die Intensität seiner besten Bücher ("Wider die Kunst", "Wider die Natur"), doch auch dieses Text-Sammelsu-rium besticht wieder durch die (nicht selten schmerzliche) Eindringlichkeit der Selbst- und Welterkundung.