Der New Yorker Walter Whitman gilt als Begründer der modernen amerikanischen Lyrik und als einer der einflussreichsten Dichter seiner Epoche. Zeitlebens verstand er sich als Schriftsteller, arbeitete jedoch unter anderem auch als Zimmermann, Sekretär im Innenministe- rium und als Journalist. 1858 erschienen Kolumnen im "New York Atlas", in denen der damals 39-jährige Dandy unter dem Pseudonym Mose Velsor Gesundheits- und Schönheitstipps für den Mann lieferte. Die Serie "Manly Health and Training. To Teach the Science of a Sound and Beautiful Body" wurde 2015 wiederentdeckt und ist nun unter dem Titel "Der schöne Mann. Das Geheimnis des gesunden Körpers" in Buchform auf Deutsch erschienen.

Whitmans Naturverbundenheit und Volksnähe, seine patriotische Gesinnung und seine homoerotischen Neigungen, die seine Lyrik prägen, bilden auch den Nährboden für diese Hymne auf den männlichen Körper. Hans Wolf, der auch ein Nachwort verfasste, hat Whitmans zwischen Pathos und Banalität angesiedelte Ausführungen in ein häufig umständliches Deutsch übersetzt.

Die Gesundheits- und Schönheitstipps in diesem Buch - viel Bewegung, aber nicht zu viel Anstrengung, frische Luft, möglichst unverarbeitete Lebensmittel, Willensstärke bei der Diät, täglich kalt duschen, die Füße warm, den Kopf kühl halten, Ausgeglichenheit des Gemüts etc. - könnten so ähnlich auch in heutigen Ratgebern auftauchen. Illustriert werden sie durch Zeichnungen und einige Fotos.

Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper - auch heute werden kranke Menschen in diesem Zusammenhang bewusst oder unbewusst diskriminiert. Bei Whitman sind ein starker Körper und "redlicher Geist" zudem Voraussetzung für die Wehrhaftigkeit seines Landes. Darwinismus und Nationalismus gingen nicht an ihm vorbei: Ein gesunder "Volkskörper" ist ohne "makelloses Blut" (der weißen Amerikaner) für ihn nicht denkbar.

Dass es mit der gesundheitlichen Verfassung der Bevölkerung seines Landes (er betrachtet hier ausschließlich die männliche) schlechter bestellt ist als in den vorherigen Generationen, steht für ihn fest. Das liege vor allem an der Verweichlichung und der zu starken Fokussierung des Großstädters auf den Intellekt. Begeistert preist Whitman hingegen "die Kraft, Schönheit und Regsamkeit" der "prachtvollen Musterexemplare von Viehtreibern, Fuhrleuten, Feuerwehrmännern, Holzfällern (. . .). Welcher Glanz der Gesichtsfarbe - welche Anmut in der Bewegung -, welche Frische in der ganzen Gestalt und Erscheinung!"