Es ist eine verbreitete Annahme, dass Dichter ihre Welt in sich selbst suchen müssen. Dort ist sie reichhaltig, persönlich, ereignisschwer, dort hat sie Glanz und Düsternis, und dort wird sie, nicht zuletzt, in Literatur umgesetzt, was indes einen Umsatz ergibt, der als Gewinn- und Verlustrechnung nicht immer aufgeht.

Die Welt, im Weltinnenraum der Dichter gespiegelt, erhält ein anderes Gewicht; es im Nachhinein, das heißt: lesend und verstehend, abzutragen, kann zweifelhaften Genuss und Anstrengung bedeuten. Manchmal nämlich hat sich ein Autor zu viel vorgenommen, sein Leser überhebt sich bei der Lektüre, ihm brummt der Kopf, und er mag Folgeschäden befürchten.

"Lichte Momente" heißt das neueste Buch von Otto A. Böhmer (DVA, 350 Seiten, 20,60 Euro), in dem er auf bewährt hellsichtige wie unterhaltsame Art von den besonderen Erkenntnismomenten großer Dichter und Denker erzählt, darunter Augustinus, Diderot, Kafka, Nietzsche und Rilke.
"Lichte Momente" heißt das neueste Buch von Otto A. Böhmer (DVA, 350 Seiten, 20,60 Euro), in dem er auf bewährt hellsichtige wie unterhaltsame Art von den besonderen Erkenntnismomenten großer Dichter und Denker erzählt, darunter Augustinus, Diderot, Kafka, Nietzsche und Rilke.

Ein Dichter indes kann die Welt, die er beschreibt, auch unberührt lassen; statt als Literaturkoch, der aus wechselnden Zutaten bemerkenswerte Eigenkreationen zaubert, für die er sich am liebsten selber mit dem einen oder anderen Gourmetstern behängen möchte, betätigt er sich als Wiedergabekünstler, als Berichterstatter eines Geschehens, das ihm darstellenswert erscheint und für das er, vorübergehend, in Verantwortung tritt.

Der russische Schriftsteller Anton Tschechow bevorzugte diese zweite Variante des Schreibens, die dem Autor Zurückhaltung empfiehlt und stattdessen die Gegebenheiten für sich sprechen lässt. Um die eigene Person machte er gern einen Bogen; sie war für ihn nicht der Rede wert.

Ein Lebenslauf, den der damals 32-jährige Tschechow 1892 verfasste, fällt bereits entsprechend wortkarg aus: "Geboren wurde ich 1860 in Taganrog. 1879 beendete ich das Gymnasium in Taganrog. 1884 beendete ich das Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Moskau. 1888 bekam ich den Puschkin-Preis. 1890 unternahm ich eine Reise nach Sachalin durch Sibirien und zurück übers Meer. 1891 unternahm ich eine Tournee durch Europa, wo ich sehr guten Wein getrunken und Austern gegessen habe . . . Zu schreiben begann ich 1879 . . . Ich habe auch im dramatischen Fach gesündigt, wenn auch mit Maßen . . . In die Mysterien der Liebe eingeweiht wurde ich, als ich 13 Jahre alt war. Mit meinen Kollegen, Medizinern wie Literaten, pflege ich ausgezeichnete Beziehungen. Junggeselle."

Damit ist alles gesagt, was Tschechow, mit Blick auf die eigene Person, die ihm dennoch wertvoll war, für mitteilenswert hält. Sein Ich bleibt bedeckt, er nennt es sein "Departement", in dem er die dezente Selbstverwaltung probt. Für andere ist sein Departement uninteressant, glaubt er; das Ich, das sich auch bei intensivstem Grübeln nie ganz begreifen und durchschauen kann, hat genug mit sich selbst zu tun. Es ist vermintes Gelände; auf ihm muss man seine Schritte vorsichtig setzen und sich nicht unnötig in Gefahr begeben.