Iwan Turgenjew, porträtiert von Ilja Repin. - © Ullsteinbild / Elizaveta Becker
Iwan Turgenjew, porträtiert von Ilja Repin. - © Ullsteinbild / Elizaveta Becker

Zeitlebens galt er als "Westler". Im Westen fühlte er sich wohler als in Russland. Das europäische Leben, das liberale Klima, die Errungenschaften der westlichen Zivilisation behagten ihm weit mehr als die rückständigen gesellschaftlichen Verhältnisse in seiner Heimat. Dennoch wandte er sich in seinen Werken kaum je von Russland ab.

Europäer war Iwan Turgenjew mit Leidenschaft seit seinen Studienzeiten. Französisch zu sprechen war standesgemäß, doch sein gutes Deutsch hatte er sich ab 1838 als Student in Berlin erworben, wo der spätere Anarchist Bakunin sein Kommilitone und beide Hörer bei Hegel waren. Später wurden Paris und Baden-Baden seine dauerhaften Wohnsitze.

Der am 9. November 1818 auf dem väterlichen Gut in Orjol geborene Iwan Sergejewitsch Turgenjew entstammte einer der ältesten Adelsfamilien Russlands. Er wuchs, umgeben von mehreren tausend Leibeigenen und unterrichtet von Privatlehrern, in beträchtlichem Reichtum auf. Zunächst wandte er sich der Philosophie zu, doch die Literatur war stets seine wahre Passion.

Gegen Leibeigenschaft

Als 29-Jähriger hatte er in seiner ersten Erzählung die Begegnung eines freien Bauern mit einem Leibeigenen geschildert. Als er sie mit weiteren Prosaskizzen 1852 in seinem ersten größeren Werk, der Erzählsammlung "Aufzeichnungen eines Jägers", veröffentlichte, löste er damit sogleich heftige Kontroversen aus. Für die beharrenden Kräfte war der vehemente Angriff auf das russische System der Leibeigenschaft ein gefährlicher Anschlag auf ihre Privilegien. Den Fortschrittlichen hingegen ging die Kritik des vermögenden Gutsbesitzersohns, der auf dem ererbten väterlichen Besitz alle Unfreien aus den Fesseln der Versklavung entlassen hatte, zu wenig weit.

Die zaristische Zensur beendete die Debatte umgehend mit dem nachträglichen Verbot des Buchs. Gleichwohl konnte sie damit dessen durchschlagende Wirkung nicht verhindern, die mit jener von "Onkel Toms Hütte" in Amerika verglichen wurde.

Mit den "Aufzeichnungen eines Jägers" war Turgenjew gleich zu Beginn seines literarischen Schaffens ein Meisterwerk der impressionistischen Darstellung adeligen Jagdlebens und der bäuerlichen Fron im alten Russland gelungen, das noch heute, nicht zuletzt ob seiner feinsinnigen Naturschilderungen und scharf umrissenen Personenzeichnungen, viele Leser zu bezaubern vermag.

Die Veröffentlichung seines Erstlings trug Turgenjew 1852 einen Monat Haft im Petersburger Gefängnis und anschließende Verbannung auf sein Landgut Spasskoje bei Orjol ein. Er hatte sich in seinem Nachruf auf Gogol kritisch zur Herrschaft von Zar Nikolaus I. geäußert. Doch als "staatsgefährdend" wurde vor allem die in den "Aufzeichnungen eines Jägers" ausgedrückte Gesinnung gewertet.