Die außenpolitische Lage Russlands nach dem verlorenen Krimkrieg bezog Turgenjew 1860 im Roman "Vorabend" in die Handlung ein. Seine Darstellung klingt heute streckenweise wie ein Bericht zur gegenwärtigen Lage im Ukraine-Konflikt: "Die Ereignisse im Osten entwickelten sich rasch. Die Besetzung der Fürstentümer durch russische Truppen erregte alle Gemüter. Ein Gewitter zog sich zusammen, schon zeigten sich die ersten Vorboten eines unvermeidlichen Krieges. Ringsum züngelten die Flammen empor, und niemand vermochte zu sagen, wohin das Feuer sich ausbreiten und wo es haltmachen würde. Einst erlittene Unbill, alte Hoffnungen - alles lebte wieder auf. Insarows Herz klopfte heftig, denn auch seine Hoffnungen waren im Begriff, sich zu erfüllen."

Just einen Bulgaren, keinen Russen, hatte der Autor in der tragischen Gestalt des gefühlsstarken, liebesfähigen Freiheitskämpfers Insarow geschaffen, der zwar den Kampfeinsatz gegen die türkische Besetzung seiner Heimat verliert, aber Liebe und Hingabe einer ihm an Mut mindestens ebenbürtigen Russin gewinnt.

Diese Liebe einer ihm ebenbürtigen jungen Frau sucht der aus dem Ausland auf sein Anwesen in Russland zurückgekehrte Gutsbesitzer Fjodor Lawretzki im Roman "Das Adelsnest" (1859) vergeblich zu gewinnen. In Paris hat Lawretzki Frau und Kind verlassen, nun buhlt er um die Gunst einer kaum Zwanzigjährigen.

Tatkräftige Frauen

Als ihn die Nachricht vom Tod seiner Frau aus Paris ereilt, scheint er frei für die neue Verbindung, für die er auch die junge Frau zu begeistern vermag. Doch ehe sich für beide die ersehnte gemeinsame Zukunft einstellen kann, verfügt der Autor durch eine melodramatische Wendung ein jähes Ende des erhofften Glücks. Lawretzki, so lässt er seine Hauptgestalt sinnieren, hatte "vergessen, dass es schon Luxus bedeutet und einer unverdienten Gnade gleichkommt, wenn ein Mensch das Glück ein einziges Mal in seinem Leben kennenlernen darf." (Dieses Glück wird dem Leser von Christiane Pöhlmanns ansonsten trittsicherer Neuübersetzung durch unpassende Ausdrücke wie "Märsack", "einbimsen", "Mumpitz", "Tinnef" oder "etwas außen vor lassen" eingeschränkt, ebenso wie durch die purer Neuerungssucht geschuldete Umbenennung des Romans in "Adelsgut".)

Turgenjews Frauen, das bekunden auch seine zahlreichen Novellen, wissen um den Wert der Liebe als Ausnahmefall. So ist denn in seinem der russischen Wirklichkeit entnommenen Erzählrealismus die tatkräftige Frau jene Heldin, die sich aus eigener Kraft dem überkommenen patriarchalischen System zu entwinden weiß. Immerhin begannen die Frauen in Russland bereits 1860 an der Universität zu studieren, ein Jahr vor Abschaffung der Leibeigenschaft.

In seinem Meisterwerk "Väter und Söhne" (1862) lässt Turgenjew die auseinanderstrebenden Ansichten und Lebensweisen von Alt und Jung im Russland seiner Zeit aufeinanderprallen. Der Roman zeigt die Konfrontation von Liberalen und Radikalen, von überlieferter Tradition und einem neuen, unnachsichtigen Positivismus, der mit allem aufräumen möchte, was einem fortschrittlichen Rationalisten im Weg steht.

Rationalismus-Kritik

Zu diesem Typus zählt Basarow, ein junger Medizinadept, der von seinem Studienfreund Kirsanow auf das Gut seines Vaters eingeladen wird. Diesen liebenswürdigen Gastgeber, einen Liebhaber der Künste und Natur, wie auch dessen streitbaren Bruder Pawel brüskiert Basarow mit seiner rücksichtslosen Ablehnung aller Werte, die der älteren Generation teuer sind. Alles, was sich nicht rational beweisen und quantitativ erfassen lässt, soll in den Orkus der Geschichte befördert werden.