Physik soll die Metaphysik ersetzen. "Ein guter Chemiker", gibt der Zyniker selbstbewusst zum Besten, "ist zwanzigmal nützlicher als jeder Poet." Die bewegenden Stoffe, mit denen zu beschäftigen sich auszahlt, sind jetzt naturwissenschaftliche Forschung, technische Nützlichkeit und materielle Propaganda. Dahinter stehen die technikfreundlichen Ideen der Zeit, die vor allem durch Ludwig Büchners vielbeachtetes Werk "Kraft und Stoff" befördert wurden.

Seine Nachmittage widmet der angehende Mediziner Basarow denn auch mit Vorliebe dem Sezieren von Fröschen. Als provokanter "Nihilist" glaubt er einzig an seine Stärke, Willenskraft und Energie - und wird doch von der leidenschaftlichen Liebe zu einer verführerisch schönen, adeligen Frau erfasst, die ihm jedoch ihre Gunst versagt. Basarow stirbt bald darauf an einer Blutvergiftung, die er sich bei der Obduktion einer Leiche zugezogen hat. Doch seine Gefühle haben ihn zuvor gründlich von jenem kalten intellektuellen Rationalismus weggeführt, den er als Zeitgeist von der Universität mitgebracht hat.

Der Roman löste unter Turgenjews russischen Zeitgenossen anhaltende Meinungskämpfe aus, die der Autor in dieser Heftigkeit am wenigsten erwartet hatte. Die Linken sahen in der Gestalt Basarows ihren revolutionären Furor verraten. Für die Rechten indes erhielt derselbe Basarow in dem Erzählwerk noch immer zu viel Licht, der abdankende Adel dagegen zu viel Schatten. Die Zerrissenheit der russischen Gesellschaft fand sich somit in dem Roman widergespiegelt, und es spricht für die wohlausgewogene künstlerische Ambiguität, mit der Turgenjew die argumentativen Gewichte darin gleichmäßig verteilt hatte.

1863 verließ Turgenjew Russland und siedelte sich in Baden-Baden an. Dort schrieb er den kleinen Roman "Rauch"(1867), gewissermaßen ein Epilog zu seinen größeren Romanen über die russische Gesellschaft. "Rauch, Rauch, alles ist nur Rauch, das Leben der herumirrenden Russen ebenso wie das Leben Russlands und der ganzen Menschheit. Der Wind dreht sich und alles Leben beginnt wieder von vorn."

Seine entschieden liberale Haltung, die er in dem (bis heute) tobenden innerrussischen Kampf der Slawophilen gegen die Prowestler eingenommen hatte, legte er in der Exilgeschichte "Rauch" seiner Romangestalt Porugin in den Mund: "Ich bin Europa oder, genauer gesagt, der Zivilisation ergeben (. . .) Dieses Wort ist rein und heilig, während andere Wörter, zum Beispiel ‚Volk‘ oder ‚Ruhm‘, nach Blut riechen (. . .)."

Gelassener Apolliniker

Eine frühe autobiographische Erfahrung von Generationenkonflikt hat der Autor 1860 in der zauberhaften Erzählung "Erste Liebe" gestaltet, in der ein sechzehnjähriger Jüngling in Leidenschaft für eine junge Frau entbrennt, bis er feststellen muss, dass sie die Geliebte seines Vaters ist. Dass sich dies in seiner eigenen Jugend so zugetragen hat, ist vom Autor in Gesprächen und Briefen oft genug bekundet worden.