Das alte Paris - eine untergehende Welt. - © Robert Bressani
Das alte Paris - eine untergehende Welt. - © Robert Bressani

Metropolen sind Orte der Koexistenz: Milieus, Epochen, Weltanschauungen und Warenflüsse - alles verdichtet sich hier zu einem schillernden Ganzen. Paris nimmt in der Hinsicht einen ganz besonderen Rang ein. Mit dieser Metropole wurden und werden Liberté und Libertinage, Esprit und Eleganz assoziiert, Kunst, Fortschritt - und Revolution. Paris ist eine Chiffre, ein Mythos. Eine Projektionsfläche der Sehnsüchte und Hoffnungen, eine Herausforderung. Mit einem Schiff als Wappensymbol, steuert die Seine-Me-tropole durch die Zeiten. Dabei gerät sie auch in schwere See, doch sie geht nicht unter: Fluctuat nec mergitur lautet ihr Leitspruch.

Von den Bombenteppichen des Zweiten Weltkriegs verschont, blieb Paris viel historische Bausubstanz erhalten. Dennoch ging manches verloren: Baufälliges, aber auch Intaktes, das auf dem Altar eines globalisierenden Urbanismus geopfert wurde. Der Mythos Paris aber überdauert die Zeiten. Er gründet in der Ästhetik und Dynamik der Seine-Metropole, in ihren sinnlichen und auch dunklen Sphären. Ein unerschöpflicher Fundus für Künstler und Literaten, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert an einem gigantischen Pariser Tableau arbeiten.

Von all den Stadtbildern haben in unserer fragilen Gegenwart offenbar gerade jene Konjunktur, die dem untergegangenen Paris und dessen (Über-)Lebenskünstlern huldigen. Zumindest lassen die jüngst erschienenen Paris-Bücher diesen Schluss zu.

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Der Hanser Verlag wartet gleich mit zwei neuen Büchern des Pariser Goncourt- und Nobelpreisträgers Patrick Modiano (Jg. 1945) auf. Sie fügen sich in die Linie seines bisherigen Werks. Dieses ist eine einzige, groß angelegte Spurensuche nach den und dem Verschwundenen - und eine Suche nach der eigenen Identität. In dem Theaterstück "Unsere Anfänge im Leben" schlüpft Modiano in die Rolle des Jungautors Jean, der sein erstes Romanmanuskript aus Angst vor Dieben an sein Handgelenk kettet. Angst hat er auch vor seiner geldgierigen Mutter (einer belgischen Schauspielerin) und deren Partner, einem verkrachten Poeten. Darum verkriecht er sich in der Theater-Garderobe seiner Freundin, die in Tschechows "Möwe" eine Hauptrolle spielt. Modiano inszeniert ein virtuoses, humorvolles Hin und Her zwischen Theater-Probe und dem sogenannten wirklichen Leben, dessen "Schwebeschichten" sich leicht auflösen wie Chimären: Alles ist flüchtig, das Leben, die Erinnerungen. Das spiegelt auch die Wahl der Orte: das Theater, Hotels, Cafés oder Métro-Stationen sind kein fester Hafen, sondern bloß Stationen einer Reise.