"Clevere Menschen kamen mit einer Schusswaffe zu einer Messerstecherei. Reacher brachte eine Wasserstoffbombe mit." Dieser Satz aus einer der zwölf Kurzgeschichten aus der Neuübersetzung "Der Einzelgänger" sagt schon sehr viel aus über die Hauptfigur, der ihr Schöpfer Lee Child auf 447 Seiten huldigt. Und in deren Geschichte er seine Leser eintauchen lässt. Wir begleiten Jack Reacher in seine frühe Jugend auf einem Militärstützpunkt in Japan, streifen mit ihm durch seine Armeezeit, begleiten ihn beim Trampen als mehr oder weniger ehrenhaft entlassener Major und feiern in den letzten drei Geschichten Weihnachten mit ihm. Oder auch nicht, denn natürlich verbringt Jack Reacher den Heiligen Abend nicht bei Kerzenschein vor dem Christbaum, sondern zieht auch am 24. Dezember durch die Weltgeschichte.
Dass ihm dabei immer wieder irgendwelche Gangster in die Quere kommen - oder ist es umgekehrt? - sorgt für das nötige Spannungsmoment, das Lee Child für seine Saga vom anachronistischen Lonesome Cowboy des 20. und 21. Jahrhunderts braucht (so hatte, hat und wird Reacher sicher nie ein Handy haben). Freilich muss man verstehen, wie die US-Gesellschaft im Allgemeinen und das US-Militär im Speziellen ticken, um es nicht abstoßend zu finden, wenn der 130-Kilo-Koloss Nasenbeine bricht oder gar Leichen entsorgt. Und es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Kombinationsgabe ihn sein Schöpfer ausgestattet hat. Vielleicht ist das auch ein Grund für dieses Buch: dass Lee Child nicht nur das Bedürfnis hatte, einmal keine mehrhundertseitige Geschichte auszuformulieren und dafür das eine oder andere kurze Abenteuer zu erzählen, sondern dass es in gewisser Weise auch ein kurzer Abriss von Reachers Lebensgeschichte ist - inklusive Begegnungen mit seinem älteren Bruder Joe.
Jedenfalls ist auch dieser Weg einerseits mit Blut getränkt (natürlich nicht mit Reachers eigenem), andererseits handelt der Protagonist stets aus hehren Motiven heraus, freilich mit manchmal fragwürdigen Mitteln. Aber darüber zu diskutieren, ist sowieso sinnlos, denn in sich ist die Person Jack Reacher in all ihrer wilden Exzentrik schlüssig - und absolut cool. Ein Anhalter, für den man zwar nicht so ohne weiteres bremsen würde, der aber auf der Weiterfahrt durchaus Gold wert sein könnte. Auch wenn er die Gefahr anzieht wie das Licht die Motten (um keinen Fäkalvergleich anzustellen - auch wenn er mitunter etwas riecht, weil er seine Kleidung nie wäscht, sondern ein paar Tage trägt und dann einfach entsorgt; aber das ist eine andere Geschichte).
Lee Child serviert seinen Fans jedenfalls mit "Der Einzelgänger" ein weiteres Schmankerl, das ebenso abwechslungsreich ist wie die Gegenden, durch die Jack Reacher streift.
Lee Child: Der Einzelgänger
Blanvalet; 447 Seiten; 20,60 Euro