Entmenschlichung in "Die Welt der Söhne". - © Avant Verlag
Entmenschlichung in "Die Welt der Söhne". - © Avant Verlag

Experimentierfreudig war der italienische Comiczeichner Gipi, der unter seinem bürgerlichen Namen, Gian Alfonso Pacinotti, auch erfolgreich Filme ("L’Ultimo Terrestre") macht, schon immer. 2003 erscheinen unter dem Titel "Esterno notte" sechs in Öl gemalte Comicgeschichten, die den Zeichner in Italien schlagartig berühmt machen. Die deutsche Übersetzung von "Nachtaufnahmen" folgt 2005. In kurzer Zeit rückt Gipi auch international zu den bemerkenswertesten Zeichnern der Gegenwart auf. Es war vor allem eine neue Art des Erzählens, die Aufmerksamkeit erregte: Einerseits formal, durch die gemäldeartigen Öllandschaften, auf die der Zeichenkünstler Figuren in Tuschzeichnungen darüberlegt, oder indem er durch Auskratzen der Ölschichten Lichteffekte erzeugt und in sie graffitiartig Botschaften einritzt. Und andererseits durch die Konzeption der Figuren, die an die Protagonisten aus den frühen Pasolini-Romanen der 1950er Jahre erinnern.

Spartanische Tuschefeder

Ein Dutzend Jahre, Comics und Auszeichnungen später ist nun ein 280 Seiten starker Comicroman "Die Welt der Söhne" (Originalausgabe 2016) auf Deutsch herausgekommen, in dem sich der 1963 in Pisa geborene Zeichner auf ganz neue Weise darin erkennen lässt: Spartanisch reduziert und stoisch zurückhaltend zeichnet Gipi mit Tuschfeder und gänzlich ohne Farbe eine Welt aus tausend Strichen, in der sich das Schicksal zweier Söhne und ihres Vaters in einer postapokalyptischen Welt abspielt.

Dazwischen hatte Gipi immer wieder neue Techniken ausprobiert: Tuschzeichnungen auf weißem Hintergrund oder monochrom und mehrfarbig koloriert und aquarelliert sowie die Verbindung und den Wechsel solcher Techniken in einem Comic. Seine Figuren sind oftmals verlorene Jugendliche, erwachsene Kinder, die er in kalte, trostlose Landschaften, insbesondere Vorstadtlandschaften, versetzt wie in seinen "Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte" (avant, 2006) oder "Die Unschuldigen" (avant, 2005), während er in "S." (Reprodukt, 2012) ein Porträt seines Vaters Sergio in warmen Farben erschafft, trotz angsterfüllter Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Mit "MSGL - Mein schlecht gezeichnetes Leben" (Reprodukt, 2015) wiederum hält Gipi in einer Art Anti-Selfie in Comicform sich und seinem Publikum ein schonungsloses, wenngleich selbstironisches Selbstporträt vor.

"Die Welt der Söhne" stellt den bisher markantesten Bruch zu seinen vorausgehenden Comics dar. Neben der erwähnten stilistischen Schreibregel radikaler Zurückhaltung ist der neue Comic ohne autobiografischen Selbstbezug durchgehend fiktiv in eine unbestimmte Zukunft verlegt. Die Zeichenregel geht allerdings aus der apokalyptischen Szenerie selbst hervor, in die der Vater geraten ist, in der die Söhne jedoch leben, als hätte es ein Vorher nie gegeben. Für sie ist hinter den tausend Strichen keine andre Welt. Denn in Gipis Comic "Die Welt der Söhne" gibt es gewissermaßen nur Striche. Da zeichnet oder kritzelt Gipi Haare wie Gras, Schatten und Dunkelheit bestehen gleichfalls aus einer Anhäufung getuschter Striche. Sogar die Luft besteht aus Strichen. Mit einfachen Linien dagegen heben sich die Konturen der Körper ab.