Viermal war Scott Kelly im All, insgesamt 520 Tage hat er im Weltraum verbracht, und er ist der Nasa-Astronaut mit dem längsten Aufenthalt in der Schwerelosigkeit ohne Unterbrechung (340 Tage). Das hat natürlich Spuren hinterlassen: Kelly ist um mehrere Zentimeter gewachsen, die Blutzirkulation musste sich erst wieder an die Schwerkraft gewöhnen, und seine DNA hat sich um 7 Prozent verändert - er und sein Bruder Mark Kelly sind jetzt keine eineiigen Zwillinge mehr.

Es hat ihn aber vor allem auch mental verändert. Wenn man die Erde so lange von außen gesehen hat, dann ändert sich auch der Blickwinkel auf den Planeten und seine Bewohner. Darüber erzählt er in seiner Autobiografie, deren Titel "Endurance" eine Reminiszenz an Ernest Shackletons Antarktis-Expedition 1914 bis 1917 ist. Shackletons Schiff "Endurance" wurde damals im Eis eingeschlossen, und die Mannschaft ging durch die Eishölle auf dem Weg zurück in die Zivilisation.

Auch für Scott Kelly waren seine All-Missionen kein Zuckerschlecken. Er berichtet ungeschönt von den Härten der Astronautik, von den Schwierigkeiten, ein Space Shuttle zu steuern (auch wenn das immer sein Traum war), von der langwierigen Ausbildung, von der einen oder anderen Schrecksekunde in einem 12-Millionen-Dollar-Raumanzug, der auf der Erde 120 Kilo wiegt, und auch von den Motiven, die den einstigen ADHS-Schüler mit alkoholkrankem Vater in jene überschaubare Gruppe von Menschen gebracht haben, die den Traum unzähliger Kinder tatsächlich leben darf oder durfte.

Wer seinerzeit Jim Lovells Buch zur legendären "Apollo 13"-Mission gelesen und genossen hat, sollte auch zu Scott Kellys Schiderungen greifen. Auch wenn dessen Abenteuer im All weit weniger dramatisch verlaufen sind, steckt doch neben vielen Hintergrundinformationen auch ein gerüttet Maß an Spannung drin - die noch dazu keinerlei Fiktion bedarf, sondern zu 100 Prozent authentisch ist.

Scott Kelly: Endurance - Mein Jahr im All
C. Bertelsmann; 480 Seiten; 25,70 Euro