Interessante Wiederentdeckung: Mavis Gallant (1922-2014). - © Neville Elder/Corbis/Getty
Interessante Wiederentdeckung: Mavis Gallant (1922-2014). - © Neville Elder/Corbis/Getty

Manche Bücher dürfen nicht verloren gehen. Mit der Gründung der eigenen Edition hat die Wiener Buchhändlerin Anna Jeller nicht nur verlegerisches Geschick bewiesen, sondern auch eine sichere Hand bei der Auswahl ihrer Publikationen. Ein Jahr nach dem Erscheinen von "Siebzehnter Sommer" von Maureen Daly hat sie den Markt nun um ein weiteres Buch bereichert. Wieder handelt es sich um einen Roman einer in Vergessenheit geratenen Autorin: "Grünes Wasser Grüner Himmel" von Mavis Gallant.

Moral der 1950er

Die Geschichte spielt in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts und erzählt von einer ungesunden, weil zu eng geflochtenen Mutter-Tochter-Beziehung. Die restriktive Moral jener Zeit war vor allem für Frauen fatal, und als die lebenslustige New Yorkerin Bonnie den Bogen überspannt, wird sie vom Ehemann verstoßen. Die gemeinsame Tochter Flor wird gleich mit bestraft - ein Kollateralschaden, sozusagen. Fortan tingeln Mutter und Tochter heimatlos durch Europa. Flor leidet an der Entwurzelung, Bonnie unter dem Verlust ihrer Reputation.

Das Kind hält sich an der Mutter fest, diese klammert sich an den oberflächlichen Glanz des Mondänen und an den töchterlichen Trost. In diesem einen Punkt will sie es richtig machen: eine gute Mutter sein. Aber Distanzlosigkeit ist nicht dasselbe wie Nähe. Und Luxus ist noch lange kein Stil.

Exkurs: 1979 prägte die Kinderpsychologin Alice Miller den Begriff des "begabten Kindes". Dabei legte sie dar, auf welche Weise sich Traumata von Eltern auf Kinder übertragen. Besonders mitfühlende, eben "begabte" Kinder würden sich selbst aufgeben, nur um die Eltern zufriedenzustellen. Dass bei dieser Symbiose oft die Grenze zu emotionalem Missbrauch überschritten wird, versteht sich von selbst. Begabte Kinder werden Opfer der elterlichen Erpressung.

"Sie wird nie wieder sowas anfangen", sagt die vierzehnjährige Flor zu ihrem Cousin und meint damit den amourösen Fehltritt der Mutter. "Ich lass’ sie nicht aus den Augen." Und das ist nicht einfach so dahin schwadroniert. "Sie meinte, was sie sagte, es war nicht für George bestimmt. Es war ein feierliches Versprechen, ein Schrei der Verzweiflung, Liebe und Groll so eng miteinander verwoben, dass nicht einmal Flor sie auseinanderhalten konnte."

Reichweite der Worte

Sogar der siebenjährige George erkennt die Reichweite dieser Worte. Er begegnet seinen Verwandten nur alle paar Jahre und wird dabei zusehen, wie sich Bonnies Forderungen steigern, während Flors Loyalität immer mehr zu einer Geste wird, die sie innerlich aushöhlt. Gegen die Lebenslüge haben beiden Frauen keine Chance.

Mavis Gallant (1922-2014) war eine kanadische Journalistin und Schriftstellerin. Selbst ein ungeliebtes Pflegekind und heimatlos (sie wanderte 1950 nach Paris aus), versuchte sie zeitlebens die persönlichen Erfahrungen schreibend zu verarbeiten. Viele ihrer zahlreichen Kurzgeschichten wurden in der Zeitschrift "The New Yorker" erstveröffentlicht. Gallants Stil zeichnet sich durch eine feine, psychologische Subtilität aus. Dank an Anna Jeller für ihre literarische "Arche Noah".