Der erste Brief kommt im November 1957 von Enzensberger: "wir sollten einmal, das wäre erheiternd, zusammen ein buch machen, ein buch das fliegen kann." Ingeborg Bachmann antwortet im Juni darauf und es beginnt ein Briefwechsel, der berufliche Erfolge und persönliche Krisen darlegen wird, ehe er mit der körperlichen Erschöpfung Bachmanns ein jähes Ende findet. Bis dahin sind 53 Briefe von Bachmann zu Enzensberger gewandert - und 77 in die umgekehrte Richtung.

Sie ist zur Zeit dieser Korrespondenz (ab 1958) mit Max Frisch liiert, der sie vier Jahre später für eine jüngere Frau verlassen wird. Eine Trennung, die Bachmann nie verkraften und Titel wie "Requiem für Fanny Goldmann" oder das "Todesarten"-Projekt hervorbringen wird. Auch von diesem Leidensweg zeugt der Briefwechsel Bachmann-Enzensberger, obgleich Max Frisch darin eine nebengeordnete Rolle spielt. Denn die Briefe zeigen, wie Bachmann sich nach anfänglichem Zögern einem anderen Mann annähert - zumindest kurzzeitig: Enzensberger und Bachmann haben viel gemein. Beide sind erfolgreiche Schriftsteller, beide Mitglieder der Gruppe 47, beide Intellektuelle im Literaturbetrieb der Nachkriegsjahre.

Die ersten Briefe von Enzensberger klingen noch etwas ungeschickt und distanziert: "daß ich immer ins stottern komme, wenn ich ihnen etwas erklären soll, gott weiß warum. vielleicht weil sie derart dans le coup sind, daß ich immer denke, sie wüßten es schon vorher, was ich sagen wollte." Bald aber stellt sich eine Vertrautheit ein, die auf das Treffen im Sommer 1959 in Rom zurückgeht, bei dem die beiden eine Liebschaft begannen.

Er verliert darüber mehr Worte als sie: "seit deiner abreise steht die luft still, vom telefon ganz zu schweigen". Ende Juli, Anfang August 1959 schreibt er, stets als "mang" unterzeichnend, ihr ständig. "welches netz wirst du für das alte, das unsre eintauschen? ich fürchte mich sehr und denke immer an dich." Sie antwortet in der Regel zwar auch mit poetischer Zuneigung, aber nüchterner. Nur einmal schickt sie "Augenküsse". Denkt man aber an ihren Briefwechsel mit Paul Celan ("Herzzeit"), in dem man zwei Seelenverwandte im poetisch-gefühlvollsten Austausch erlebt, wirken diese Schreiben eher kühl.

Dringlicher Ton

Dementsprechend schnell geht die Liebschaft auch vorüber, es folgt ein versöhnlicher Brief von Enzensberger ("vergiß nicht daß du unschuldig bist: vergiß nicht daß ich freundlich bin") - und es bleibt bei der Freundschaft. Enzensberger erscheint auch hier als der initiativere Teil von beiden, Bachmann bleibt zurückhaltend, wenn auch freundschaftlich: "so erfreut war ich, Deinen Brief unter der Post zu finden beim Heimkommen, denn die Briefe werden immer rarer und der Schreiben werden immer mehr."

Zuweilen wird der Ton auch dringlich, nämlich wenn es um das persönliche Schicksal Bachmanns geht. "ich bitte dich, nimm keine tabletten mehr, und äußersten falles, wenn dich gar nichts mehr erheitert, greif in gottes namen zu dem papier und der maschine und zu den wörtern und schreib alles was wahr ist auf." Gerade diese Anmerkungen und das zwischen den Zeilen Gesagte machen diesen Briefwechsel interessant. Wenn sie etwa während dem Schreiben den Faden verliert (". . . auch um sagen zu können, /-- Faden verloren!"), wird dadurch einerseits das Hintergrundrauschen privater Natur vernehmbar: Bachmann war dabei, an der verlorenen Liebe zugrunde zu gehen. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits in die Tablettenabhängigkeit geschlittert, die sie auch in den Tod treiben sollte.

Andererseits wird auch der berufliche Kontext sichtbar, man bekommt ein Bild des Literaturbetriebs der Nachkriegszeit aus erster Hand. Das Schreiben, hier sind sich die beiden einig, dient der Lebensbewältigung, sowohl der Vergangenheit, als auch der Gegenwart. Denn die Menschen haben alle den Krieg noch in den Knochen, die Mörder von gestern sind die Nachbarn von heute.

In dieser verseuchten Gesellschaft haben sich die Schriftsteller der Wahrheitssuche verschrieben. Auch wenn die beiden Belangloses über den Literaturbetrieb austauschen, dann doch stets vor dem Hintergrund, dass das Schreiben essenziell ist, weil man als Autor "unseresgleichen", wie Enzensberger gerne schreibt, einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat.

1968 bricht der Briefwechsel ab, 1972 fertigt Bachmann noch zwei Entwürfe an, schickt die Briefe jedoch nicht mehr ab. Mit diesem Band ist ein Zeitzeugnis erschienen, das zwar nicht an die bereits veröffentlichten Briefe Bachmanns heranreicht, aber jedenfalls eine weitere Facette dieser Schriftstellerin und ihrer Zeit beleuchtet.