Wer im Beobachtungshäuschen seines Lebens hockt, hat einiges zu berichten; auf erwartungsfrohe Zuhörer darf man aber nicht unbedingt rechnen. Unproblematischer als die mündliche Rede sind schriftliche Mitteilungen, weswegen sich veröffentlichte Lebensgeschichten und Biographien durchwegs einer gewissen Beliebtheit erfreuen, speziell bei den Verfassern selbst. Da ist viel Austauschbares dabei, so wie das Leben mit Mehrheiten, in denen wir auf- und untergehen, letztlich ja auch sehr austauschbar anmutet. Bemerkenswert wird es jedoch, wenn ein großer Dichter seine Lebensaufzeichnungen vorlegt; dann darf man dem Erzählten nachsinnen und sich selbst in ein Gespräch mit einbringen, das über den Anlass hinaus fortzuführen wäre.

Besonderer Tonfall

Hans Magnus Enzensberger (Jg. 1929) ist ein solcher Dichter; er hat uns viele Werke geschenkt, die allesamt einen besonderen Tonfall hatten und fast immer so klug und leichtsinnig daherkamen, dass man neidisch werden konnte. "Eine Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum" nennt Enzensberger die Memoiren seiner Jugend, was bescheiden klingt und auch so gemeint ist:

"In diesem Buch schreibe ich die Kindheitsgeschichte des M. Ich kann versprechen, dass ich nichts Falsches sagen werde; aber ich glaube nicht, dass ich vorhabe, alles zu sagen. Ich behalte mir das Recht vor, durch Verschweigen zu lügen. Es sei denn, dass ich mir’s anders überlege."

"Opus incertum" war eine spezielle Mauerbautechnik im alten Rom, bei der Fundsteine so kunstvoll zusammengefügt wurden, dass ein Mut zur Lücke auffällig bleibt, dem sich auch Enzensberger verpflichtet fühlt; er arbeitet mit feinen Aussparungen, die den Leser zu gefälligem Nachfragen veranlassen, auf das M. (Magnus), dem die Privatökonomie seines Schreibens am Herzen liegt, jedoch nicht näher eingehen mag. Wer dem Erzähler Enzensberger folgt, könnte meinen, dass womöglich alles gar nicht so schlimm gewesen ist; es gibt eine Art von Unbeschadetheit, die sich nur dann erschließt, wenn man von jeher in einem besonderen Treueverhältnis zu sich selbst steht.

Der junge M., so ließe sich in Abwandlung eines Bloch-Zitats sagen, verleugnete die Zukunft; keine Zukunft aber wird M. verleugnen, der dann, ehe er sich’s versah, zu Hans Magnus Enzensberger wurde. Auf dem Weg dahin wählte er, um die Dinge nicht unnötig zu verkomplizieren, gerne "die naheliegendste Lösung", auf die andere, aus Gründen der Besorgnis, lieber nicht verfielen.

Nachdem sich M. beispielsweise per Zwangsaufnahme zur Hitlerjugend abkommandiert sah, musste er, auf seine Art, handeln: "M., dem die Gewöhnung an den Dienst schwerfiel (. . .), ging nicht mehr hin. Nach wenigen Wochen wurde er vor versammelter Mannschaft zu einer Zeremonie einbestellt, die auf dem Schulhof stattfand. Mit grimmiger Miene wurde ihm mitgeteilt, dass er mit sofortiger Wirkung aus der Hitlerjugend ausgestoßen sei. M. gelang es, das Gefühl der Befriedigung, das ihn ergriff, zu verbergen."

Im Rückblick kommt Enzensbergers M. nicht immer gut weg; eine Distanziertheit zeichnet ihn aus, die dazu verhilft, dass er sich ein dickes Fall zulegen konnte: "Der Krieg hat ihm nicht viel ausgemacht. Gewissensbisse: selten; Schuldgefühle: Fehlanzeige. Auf die ersten Toten, die er auf seinen Streifzügen am Straßenrand liegen sah, reagierte M. merkwürdig ungerührt, so als hätte er sich vor einer feindlichen Welt bereits eingeigelt.

Mit leichtem Gepäck

Später, da war der Krieg längst vorbei, bot es sich erneut an, ungerührt zu bleiben; alles, was man sagt, kann gegen einen verwendet werden, sodass es sich empfiehlt, nur noch mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein:

"Bereits im zweiten und dritten Semester traf M. Vorkehrungen, um so viele Belege wie möglich aus seiner Krankenakte zu beseitigen. Dazu brauchte er nur im Vorgarten seines Freiburger Studentenwohnheims einen kleinen Scheiterhaufen aufzurichten und gewissermaßen als sein eigener Inquisitor zuzusehen, wie diese ‚Belege‘ in Flammen aufgingen."

"Eine Handvoll Anekdoten" ist ein vergnügliches und nachdenklich stimmendes Buch. Wer sich als Leser schon ein wenig mit Enzensberger vertraut gemacht hat, ist besser dran; es geht aber auch so. Schließlich haben die großen alten Meister ein Recht darauf, nur noch das Nötigste aufsagen zu müssen. "Sonst ist in seinen jungen Jahren nicht viel passiert", sagt M. am Ende, was dann wohl, kurz vor der endgültigen Abberufung, auch für die alten Jahre gilt.