Für einen amerikanischen Elitesoldaten, der in den Wüstengebieten des Irak Krieg gegen den "Islamischen Staat" führen muss, dürfte Brett Velicovich von der Spezialeinheit "Delta Force" eine eher ungewöhnliche Erscheinung gewesen sein: dünn, blass und stets mit schwarzen Ringen unter den Augen.

Ungewöhnlich war auch der Arbeitsplatz des amerikanischen Kriegers: ein gut gekühlter Container in einer der US-Basen im Irak, von den Soldaten "The Box" genannt. In dieser Schachtel sah es aus wie im Büro von ein paar nerdigen Hackern, doch hier ging es um nichts weniger als um Tod und Leben. Denn von dieser Box aus dirigierte Soldat Velicovich Tag für Tag den Einsatz unbemannter Flugkörper der US-Luftwaffe, sogenannte "Drohnen". Ziel der Operationen: Kommandanten, Kämpfer und militärische Infrastruktur des IS zu liquidieren. Oder "auszuschalten", wie das in der bürokratisch-militärischen Sprache der US-Streitkräfte heißt.

Von Todesfällen verfolgt

Darüber, wie dieser Drohnenkrieg funktioniert, was er für die Kombattanten auf beiden Seiten der Front bedeutet, und was es mit der Seele eines Menschen anstellt, wenn der hunderte Gegner vom Schreibtisch aus tötet, hat Velicovich nun ein Buch geschrieben. "Drohnenkrieger - ein Elitesoldat enthüllt die Geheimnisse der neuen Art der Kriegführung", entstand in Zusammenarbeit mit dem renommierten "Wall Street Journal"-Reporter Christopher S. Stewart.

"Geheimnisse", wie marktschreierisch am Cover angekündigt, enthüllt das Buch zwar nicht - schon allein deshalb, weil der gesamte Text vom US-Verteidigungsministerium approbiert wurde - aber es gibt doch einen guten Einblick, wie diese Form der zeitgenössischen Kriegführung aus der Luft funktioniert. Und zwar, entgegen einem verbreiteten Klischee, nicht als eine Art Videospiel mit Bonuspunkten für jeden Treffer, sondern als hochkomplexes System, bei dem Aufklärung mit Satelliten, Überwachungs-Drohnen, dem Abhören und Auswerten aller Kommunikationskanäle mit der traditionellen Luftwaffe, bewaffneten Kampfdrohnen und Spezialeinheiten am Boden eine Einheit bilden.

Stilistisch eher rau formuliert ("Die größte Angst eines jeden Soldaten war es, mit heruntergelassenen Hosen am Scheißhaus sitzend von einer Granate getroffen zu werden") beschreibt Velicovich seine Soldatenkarriere. Von 9/11, als er sich unter dem Eindruck des Anschlages für die Army entschied, über seine verschiedenen Ausbildungen bis hin zu den Drohneneinsätzen im Nahen Osten und dem Ausstieg aus dem aktiven Dienst, handelt der Text, geschrieben im Stile eines Thrillers der Marke Dan Brown.

Immer wieder beschreibt Velicovich die Dilemmata des Drohnenkriegs - etwa einen identifizierten Terroristen auf der Stelle zu töten, um weitere Anschläge zu unterbinden - oder ihn weiter zu verfolgen, um mehr Informationen zu bekommen mit dem Risiko, dass der Mann entkommt und weiter mordet.

Ohne Scheu geht der Autor auch auf das Risiko ein, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen irrtümlich Frauen und Kinder zu töten; was in Einzelfällen auch passiert ist, wie er unumwunden zugibt: "Solche Todesfälle verfolgten auch mich in der Nacht". Aber er konstatiert auch: "Wir waren schließlich im Krieg." Der auch von den Drohnenkriegern seinen Tribut forderte. Vor seiner Rückkehr zu einem Urlaub in die USA, sah er nach nur vier Monaten im Einsatz aus "wie eine sterbende Version meines früheren Ichs". Als Folge des enormen Stresses und Drucks in der "Box" hatte in der kurzen Zeit 18 Kilo abgenommen, aber dafür "gelbe Zähne und tiefe Tränensäcke als Dauergäste".

Was, jedenfalls im Vergleich zu jenen, die eine Begegnung mit einer der Drohnen des Autors nicht überlebten, schon ein klein wenig wehleidig daherkommt.

Sachbuch

Drohnenkrieger

Brett Velicovich und Christopher S. Stewart, 336 Seiten

Riva Verlag, 2018, 19,99 Euro