Man sagt, die Scheidung der Eltern sei für die Kinder stets ein Trauma. Der Erzähler in Gert Loschütz’ Roman "Ein schönes Paar" ist längst erwachsen, laboriert aber noch immer am Schmerz der elterlichen Trennung. Sein ganzes Leben lang will er herausfinden, was damals eigentlich passiert ist, aber in diesem Punkt - und nicht nur in diesem - bilden die Eltern ein gemeinsames Bollwerk.

Der Sohn streift durch den Nebel seiner Familiengeschichte, hebt sorgfältig Erinnerungen auf, über die er stolpert, betrachtet, wägt ab, assoziiert, geht weiter. Und kommt dabei doch nicht wirklich voran. Zu undurchdringlich ist das elterliche Versteckspiel.

Kurz hintereinander sind Herta und Georg in den Fünfziger Jahren aus Ostdeutschland in den Westen geflüchtet. Jahre später setzt sich Sohn Philipp auf ihre Spuren, radelt in Jeans und Sportjacke dieselbe end- und lichtlose Strecke wie einst der Vater, der damals einen Anzug mit weit geschnittener Hose trug, seine wenigen Habseligkeiten in eine Aktentasche gestopft. Doch die Angst lässt sich ebenso wenig fassen wie das Heimliche, das beide Eltern zeitlebens umgibt.

Als hätten die wenigen Tage zwischen der Flucht des Vaters und jener von Mutter und Kind die beiden Liebenden in verschiedene Welten katapultiert. Aber vielleicht passierte die Entfremdung auch erst nachher? Als sich herausstellte, dass Hertas Versuch, das wenige Bargeld zu retten, misslang? Der kluge Kauf einer Kamera schien zunächst eine Fehlentscheidung, führte das Paar immer weiter in die Irre. Erst Jahre später - so lässt die distanzierte Erzählsprache des beobachtenden Sohnes erkennen - hat die Kamera ihre Aufgabe erfüllt: Phi-lipp ist Fotograf geworden. Und weiß auch mit Worten bedeutende Standbilder zu schaffen.

Gert Loschütz hat ein autobiographisch inspiriertes Werk vorgelegt. Er wurde 1946 in Genthin (ab 1949 DDR) geboren und flüchtete elf Jahre später mit den Eltern in den Westen. Für sein literarisches Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet. Der Roman "Ein schönes Paar" stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018 und auf der Shortlist für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2018.