Als Wolfgang Herrndorf Ende August 2013 seinem Leben zu nächtlicher Stunde am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin ein Ende setzte, ging wohl eine der tragischsten Schriftstellerexistenzen der deutschen Gegenwartsliteratur zu Ende. Der 1965 in Hamburg geborene Maler, Illustrator und Autor hatte unter anderem für das Satiremagazin "Titanic" gezeichnet, 2002 seinen Debütroman "In Plüschgewittern" und ein paar Jahre später eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht und galt als hoffnungsvoller, aber nicht unbedingt herausragender Vertreter einer witzig-anarchischen Popliteratur, die damals vor allem in Berlin prächtig gedieh.

Herrndorf führte dort eine durchaus prekäre künstlerische Hinterhofexistenz, als im Februar 2010 ein bösartiger Gehirntumor bei ihm diagnostiziert wurde. Er stürzte sich daraufhin fast manisch in die Arbeit, begann einen Blog zu schreiben, der dem Leben mit der Krankheit gewidmet war, und stellte schon ein paar Monate später eine neue Geschichte fertig: "Tschick", der Roman um die Freundschaft zweier recht unterschiedlicher Jugendlicher, wurde zu einem grandiosen Erfolg nicht nur im deutschsprachigen Raum und zu einem Paradebeispiel für ein Buch, das über alle Alters- und sonstigen Grenzen hinweg die Leserschaft begeisterte.

Chronik & Fragmente

Herrndorf wurde mit Preisen überhäuft, 2011 legte er schon wieder einen (allerdings deutlich weniger erfolgreichen) Roman vor ("Sand"), arbeitete an einer Fortsetzung von "Tschick" und wusste doch, dass er diesen Erfolg nur kurze Zeit würde genießen können. Sein vielleicht bedeutendstes Werk, "Arbeit und Struktur", die zutiefst beeindruckende Chronik eines Lebens zum Tode, erschien bereits posthum. Gleiches gilt für das Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" (2014).

Diese beiden Texte wollte Wolfgang Herrndorf bewusst nach seinem Tod veröffentlicht haben. Ansonsten aber war er sehr darauf bedacht, alles Unfertige, das seinen eigenen Qualitätsansprüchen nicht genügte, zu vernichten: "Die Festplatte aus dem alten Computer ausgebaut und zerstört", schrieb er schon im Sommer 2010, und in seinem Testament verfügte er: "Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen." Dass nun doch noch einmal ein Band mit kurzen Texten erscheint, hat damit zu tun, dass ein Großteil davon zwischen 2001 und 2009 als Posts in dem von Christian Ankowitsch und Tex Rubinowitz begründeten Internetforum "Wir höflichen Paparazzi" publiziert wurde (meist unter dem Pseudonym "Stimmen"). Es sind Prosaminiaturen aus dem Bereich der Autofiktion, in denen die Schwächen der ersten Bücher (eine oft bemühte Witzigkeit und arge sprachliche Saloppheit) ebenso sichtbar sind wie die Stärken des "Tschick"-Verfassers (eine wunderbare Lakonie und eine enorme Wahrnehmungsschärfe).

Hinzu kommen eine Reihe von Texten aus Dateiordnern, die Herrndorf nicht gelöscht hat und die den Erben deshalb veröffentlichungswürdig erschienen. Das gilt mit Fug und Recht für seine poetologischen Überlegungen, die allerdings meist darauf hinauslaufen, dass es so etwas wie eine allgemeine Poetik - jenseits einer rein individuellen - gar nicht geben könne. "Es gibt keine guten Gattungen, es gibt keine großen Würfe, es gibt keine Zeitforderungen, es gibt nur die Kunst und den Mist."

Anrührende Gedichte

Legt man diese Kategorien zugrunde, so gehören die anderen bisher unveröffentlichten Texte eher zu letzterer : ein seltsam gekünsteltes Dramolett zum Thema Akalkulie und Jugendverse aus einer Datei, die Herrndorf selbst mit dem Zusatz versehen hat: "alles während meines Studiums, manches vielleicht vorher, das meiste Schrott". Ob diese Texte bleiben, sei dahingestellt; sollen und müssen tun sie es jedenfalls nicht.

Trotzdem findet sich in den Gedichten eine der anrührendsten Stellen dieses Buches, das trotz enormer qualitativer Schwankungen immer wieder zeigt, dass 2013 nicht irgendeine, sondern eine ganz besondere literarische Stimme verstummt ist:

"Die Stiefel weiß und schwarz im Schnee. / Und Risse donnern durch das Eis. / Der Tag geht langsam um den See, / Und auf den Blumen wächst das weiß. // Ein alter Mann steht unverwandt / Am Ufer und erinnert sich. / Er hebt die handschuhschwarze Hand / Und winkt. Der alte Mann bin ich."