Die Geste ist die kleine Schwester der Tugend. Während sich jedoch die Tüchtigkeit wichtigtuerisch gebärdet, agiert die Geste spielerisch. Nur so bewahrt sie ihre Leichtigkeit, durch welche sie betört. Alexander Pschera hat mit seiner Sammlung "Vergessene Gesten" ein Panorama versammelt, das Handlungen ebenso würdigt wie Redewendungen und Haltungen.

Es ist ein Blick in ein zuweilen verschollen erscheinendes Gestern, das vermutlich auch gestern ein Blick in ein Vorgestern war. Dabei bettet der studierte Philosoph und versierte Medientheoretiker Pschera die einfache Handlung in eine größere Moral, die - und das macht den Charme dieses Buches aus - konkret wird und sogleich erspüren lässt, welche Glücksgefühle und Errungenschaften mit Gesten verbunden sind - wenn man sie bloß ernst nimmt.

Argwohn gegen Digital

Es ist deshalb konsequent, dass dieses Buch die Lesenden mit einem profunden Argwohn gegenüber den Leistungen der digitalisierten Welt nährt. Vielleicht ließe sich gar ein büchneresker Untertitel wie "Krieg der Digitalisierung, Friede der analogen Welt" dazu denken? Denn in erster Linie sind diese Gesten in dem, was man noch Wirklichkeit nennt, beheimatet. In der engmaschigen Netzwelt von heute und der mutmaßlich noch undurchsichtiger verwobenen von morgen ist der Mangel an Gesten immer auch ein Mangel an Achtung, sich selbst und dem anderen gegenüber.

Was dieses Buch dem Vergessen zu entreißen versucht, ist letztlich der Wert einer Bildung, die nicht in akademischen Zirkeln und im abstrakten Jargon erlahmt, sondern vielmehr das Hier und Jetzt bereichert und elegant ordnet. Geschickt verbindet Pschera die Geste mit einem Kulturdilemma.

So beschreibt der in München lebende Autor in der Geste "Mit dem Bleistift in der Hand lesen" den Verlust des schriftlichen Interagierens mit dem Text auf Papier, den der eBook Reader mit sich bringt. Wer hat nicht Romane in Romane verpackt? Deutlicher noch wird dieses multisensuale Erlebnis in Erinnerung gerufen, wenn es heißt, "man denke nur an das Hineinriechen in aufgeschlagene Bücher, das für manche das unabdingliche Eintrittsritual in den Tempel der Gedanken ist, den die Buchdeckel formen. Elektronische Bücher haben keine vergleichbare Form. Und sie riechen auch nicht - wenn sie es tun, dann sind sie kaputt." Ohne bemühte Kritik macht Pschera die Verluste fühlbar, welche die stummen Verhältnisse der umfassend technokratischen Umwelt zeitigen. Nicht nur das Lesen, auch das Auswendiglernen wird so gefeiert, schließlich ist das Gehirn des modernen Menschen "zu einem Durchlauferhitzer für Gemeinplätze mutiert" wie Pschera konstatiert.