Sozialpolitische Aspekte

Dabei sind die "Vergessenen Gesten" nicht nur eine Sammlung für den Bildungsbürger, es finden sich auch sozialpolitische Aspekte darin, wenn etwa beim Busfahrer statt beim Ticketautomaten bezahlt wird. So entsteht Gesellschaft: "Ich will dem Fahrer meine Aufwartung machen und mich bei ihm als Passagier vorstellen. Denn er ist, immer noch, der Hausherr, ihm vertraue ich mich an, wenn ich in sein Transportmittel steige." Der urbane Raum leidet am Verschwinden dieser minimalen Begegnungen, die für eine Verbundenheit seiner Bewohner unabdingbar sind.

Alexander Pschera führt hier eine Philosophie pointiert fort, die etwa in seinem Essay "800 Millionen: Apologie der sozialen Me-dien" (2011) oder im Aufsatz "Data-ismus. Kritik der anonymen Moral" (2013) sachlich ausgestaltet ist. In diesen beiden bei Matthes & Seitz erschienenen Schriften beschreibt er unter anderem das poetische und entwicklungspsychologische Potential der Neuen Medien.

Konsum & Technologie

Es wäre sicherlich zu weit gefasst, Pschera als Kapitalismuskritiker zu würdigen, aber der narkotisierende Konsum, der ein Merkmal unserer Zeit ist, wird mit technologischen Entwicklungen verknüpft und beklagt. Plakativ heißt es zur Geste "Jemandem die Tür aufhalten" angesichts automatisierter Türöffner: "Technik und Konsum sind egalitär. Sie schalten das Eingreifen des Menschen aus, und damit auch die Möglichkeit der Zuvorkommenheit." Die Geste braucht vielfach einen öffentlichen Raum ohne Technikbarriere, um überhaupt gesetzt werden zu können. Die Geste braucht ferner eine Welt ohne Stoppuhr.

Sicherlich sind manche der Gesten zurecht antiquiert, und in einigen Fällen versteigt sich Pschera in manierierte Bonmots, wenn es etwa heißt, "wo Hygiene über den Stil siegt, da ist man auf den Weg in den Kommunismus". Zweifelsfrei ist die Polemik unterhaltsam, aber wir können uns glücklich schätzen, dass die Bastille gefallen ist und wir nicht mehr für selbstgefällige Aristokraten rackern, die unter der Perücke einen Sack Läuse hüten. Auch die Feier des Stierkampfes, um "einen Augenblick der Wahrheit zu erleben", bewirkt eher Kopfschütteln als Schmunzeln.

Albert Eibl betreibt mit seinem Verlag "Das vergessene Buch", in dem lange Zeit vergriffene Bücher neu ediert werden, eine konsequente Rückeroberung von Kulturschätzen. Mit den "Vergessenen Gesten" erscheint nun eine Erstpublikation, die zwar einerseits dem Konzept treu bleibt, dieses jedoch andererseits auf eine weitere Ebene führt.

Das anregende Vorwort von Martin Mosebach stimmt würdevoll auf die Gestenerkundung ein, und die wunderbaren Illustrationen von Leandra Eibl machen dieses Buch auch zu einem visuellen Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.