Manche Bücher sind zum Weinen schön. Andere sind zum Weinen. Alberto Manguels Buch über Utopien ist beides. Seine Reise durch fünf Jahrhunderte ist zum Weinen schön, weil sie in erlesener Weise edle Gedanken auf engstem Raum zusammenführt.

Auf hundert spärlich bedruckten, höchst einladend wirkenden Seiten, die mit vielen exquisiten zeitgenössischen Stichen illus-triert sind, gelingt Manguel das veritable Kunststück, die 1516 mit Thomas Morus "Utopia" beginnende Geschichte humanistischer Utopien sehr anschaulich zu skizzieren und zugleich, auf raffinierte Art, kritisch zu kommentieren.

Es ist zum Weinen, weil neben dieser Liste unerreichter Ideale sowohl die reale Geschichte als auch die nüchtern betrachtete Gegenwart besonders niederschmetternd wirken.

Denn man müsste ein riesiger Ignorant sein, um zu behaupten, dass sich seit dem Tag, als Heinrich VIII. Thomas Morus köpfen ließ, die Erde in ein Paradies verwandelt hat. Von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle kann auch heute niemand ernsthaft sprechen. Und zu den alten Erzübeln Elend, Hunger und Krieg haben sich neue gesellt: Naturzerstörung und Klimawandel.

Manguel erweist sich in dem titanisch großen Ideenfeld, das er sich zum Thema gemacht hat, nicht nur als als sehr kundiger, sondern auch als gewitzter Erzähler. Er bleibt zwar stets bei der Wahrheit, mutet seinen Lesern von den vielen Dummheiten und Grausamkeiten, die sich hinter seinen Worten verbergen, aber immer nur homöopathische Dosen zu. Und die serviert er nicht brutal oder zynisch, sondern mit Ironie und Phantasie.

Da taucht zum Beispiel 1726 Jonathan Swifts Held Gulliver auf, ein Marinearzt, den es nach einer Meuterei auf eine entlegene Insel verschlägt, auf der sowohl die vernunftbegabten Houyhnhnms leben, die wie Pferde aussehen und keine Laster und Lügen kennen, als auch die boshaften, gierigen und völlig vernunftlosen Yahoos, die den Menschen gleichen. Nach seiner erzwungenen Rückkehr nach England meidet Gulliver die "Yahoos", und hält sich lieber bei seinen Pferden als bei seiner Familie auf.

Die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen 1781 auf ähnlich phantastische Weise auch bei Restif de la Bretonne. Dessen Held Victorin, der dank raffiniert konstruierter Flügel fliegen kann, gründet auf einem imaginären Kontinent, auf dem auch Tiermenschen leben, eine Republik und setzt dort die "vortrefflichste aller Regierungen" ein. "Das Glück", so Victorin, "besteht in einer völligen Gleichverteilung allen Besitzes, der Mittel wie der Privile-gien". Alle Frauen kleiden sich also auf dieselbe Weise, die Beamten werden gewählt, und Titel oder Ämter sind nicht erblich. Mit einer vielsagenden Ausnahme: "Nur die Nachkommen Victorins behalten das exklusive vom Vater ererbte Recht, Flügel zu tragen". Ein Schelm, wer da Ähnlichkeiten zu manchen Zeitgenossen erkennt.