Die erste Frage taucht mit dem Buchtitel auf: "Labyrinthe. Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt." Besteht da nicht ein Unterschied? Eine Antwort gibt das Autorenduo in der Einleitung: Das Labyrinth "hat einen einzigen Weg, und auch wenn der kreisförmig oder in Kurven verläuft, ist klar, wo es langgeht: Er führt zum Zentrum und wieder zurück und verbirgt nichts". Im Irrgarten finden sich hingegen viele, vor allem falsche Wege.

Die Antwort ist trügerisch eindeutig. Ihr zufolge wäre nämlich das namensgebende Labyrinth des Minotaurus - ein Irrgarten.

Die Differenzierung findet sich auch nur in wörterakkumulierenden Sprachen wie Deutsch und Englisch, die romanische Welt kommt hingegen mit einem Begriff aus. Selbst das Griechische begnügt sich mit labýrinthos. Wer weiter zurückgeht, verliert sich in einem Irrgarten aus Lydisch, Altägyptisch und Eteokretisch.

Angus Hyland und Kendra Wilson wenden sich daher rasch von Definitionen ab und der Praxis zu. Mehr als sechzig reale und imaginierte Labyrinthe haben sie untersucht, in französischen Kathedralen und in Algier, wo sich einst eine frühchristliche Kirche befand, in Peking und Pompeji.

Zeitlich geht die Reise von modernen Interpretationen wie dem Al Rostamani Tower in Dubai über Heckenpflanzungen zur aristokratischen Belustigung und christlich inspirierten Mosaiken bis zu einem vor 22.000 Jahren im indischen Usgalimal in den Felsen geritzten Labyrinth.

Zwei der interessantesten Anlagen können leider nicht mehr besucht werden: das Labyrinth von Knossos, das möglicherweise nur eine Metapher für den verwinkelten Palast war, und die ägyptische Nekropole von Hawara. Herodot nannte sie im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ein Weltwunder, bei dem "schon die Pyramiden jenseits der Beschreibung seien", das Labyrinth aber übertreffe sie noch. Was man sehen, besuchen, rekonstruieren kann, hat Thibaud Hérem in großformatigen Zeichnungen festgehalten. Der Leser kann die Wege somit ohne Reisestrapazen mit den Fingern nachfahren.

Links: Skizze des Fußboden-Labyrinths der Kathedrale von Ely in England. - © Abbildung: Aus dem Buch
Links: Skizze des Fußboden-Labyrinths der Kathedrale von Ely in England. - © Abbildung: Aus dem Buch

Bleibt die Frage, wofür Labyrinthe stehen. Stehen sie für eine Initiation wie bei Theseus, der vom Prinz zum König - allgemein formuliert: vom Jüngling zum Mann - wird? Sind sie ein Symbol des letzten Weges, in dem die Regeln von Zeit und Richtung aufgehoben sind? Auffällig ist die häufige Bindung an Übergangsphasen, die Passagen zwischen Lebensphasen darstellen. Ob man diese Vermutung des Rezensenten freilich allgemein formulieren kann, mögen die - hoffentlich zahlreichen - Leser dieses mit großem Können und Wissen gemachten Bandes selbst entscheiden.