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Seit mehr als zwei Jahrzehnten bedeutet die Rückkehr der Religion auf das politische Kampffeld eine Verschärfung der nationalen wie internationalen Konfliktgefahr. Die Religion war und ist die unbeherrschbare Ursache für nahezu alle Massaker der Geschichte. In ihrem Gefolge treten neuerdings wieder Hass, Gewalt, Intoleranz, Hartsinn, Barbarei auf den Plan.

Im Fall des fundamentalistischen Islam sei Religion als Welteroberungskonzept eine Kriegserklärung an die liberale Demokratie, befindet der deutsche Journalist und Soziologe Samuel Schirmbeck. Diese Gefahr mutwillig in den Wind zu schlagen, ist der zentrale Vorwurf, den der ehemalige 68er-Anhänger der Linken seines Landes entgegenschleudert. Sie ignoriere aus falsch verstandener Toleranz die Bedrohung durch eine radikale muslimischen Offensive, die ihrerseits aus ihrer Religion eine intolerante Grundhaltung nicht nur gegenüber anderen Religionen, sondern auch gegenüber den westlichen Werten und Lebensformen beziehe.

Verrat an liberalen Muslimen

Ganz entgegen ihren eigenen Grundwerten disqualifiziere die Linke jegliche Kritik am Frauenbild des Islam, an den patriarchalen Verhältnissen, der Missachtung von Menschenrechten, am latenten oder ausgelebten Antisemitismus, am Umgang mit Homosexualität, an den muslimischen Parallelgesellschaften und am Einsatz von Gewalt. Diese habe, wo immer sie auftrete, nach Auffassung der Linken schlichtweg "nichts mit dem Islam zu tun".

Die Linke biedere sich bei den konservativen Islamvertretern an und verrate damit jene fortschrittlichen Muslime, die sich aufgeschlossen gegenüber den Werten des Westens zeigten. Liberale Muslime seien über diesen Verrat an ihrem Widerstand gegen einen verkrusteten Islam empört, berichtet Schirmbeck, und führt dazu einige gewichtige Stimmen an.

Schirmbeck, der über ein Jahrzehnt lang ARD-Korrespondent in Nordafrika war, kennt sich aus mit dem Islam. Er hat viele muslimische Freunde sterben sehen, die sich gegen die fortschreitende Radikalisierung ihres Glaubens zur Wehr setzen wollten. Unnachsichtig greift er Linke, Grüne und Sozialdemokraten gleichermaßen an, die notwendige Islamkritik als fremdenfeindlich und "rassistisch" abqualifizieren und sich nicht schützend vor eine Vielzahl moderater Muslime im Land stellen. Der Autor zitiert die Einschätzung des führenden deutschen Politikwissenschafters Wolfgang Kraushaar: "Der Islam ist ja ein Medium der Erschaffung von Massenloyalität. Das kann doch nicht der Ernst sein, dass wir in einer kritischen Demokratie leben, bei der es sozusagen darauf ankommen soll, so etwas blindlings zu akzeptieren." Die Gefährlichkeit des politischen Islam besteht für Kraushaar in der Kombination von Göttlichem und Weltlichem, darin, dass er "durch die Setzung eines Absoluten in den Bereich des Säkularen der gesamten europäischen gesellschaftlichen Entwicklung seit der Aufklärung widerspricht".

Den Grund für die Toleranz der deutschen Linken gegenüber dem islamischen Obskurantismus sieht Schirmbeck im Schuldgefühl für die deutsche Barbarei im Dritten Reich. Diese Zerknirschung hindere sie sogar daran, die berechtigte Sorge der jüdischen Bevölkerung Europas vor dem durch die islamische Zuwanderung hereingetragenen islamischen Antisemitismus ernst zu nehmen. Der Autor geht so weit, die Ignoranz der Linken gegenüber dem Problem auch für das Erstarken des Rechtsextremismus in Deutschland mitverantwortlich zu machen.

Schirmbecks Analyse ist eine Provokation, die den Pluralismus im Islam in Europa zu wenig in Betracht zieht und allzu einseitig die radikalen Tendenzen mit dem gesamten Islam gleichsetzt. Ein Antidot gegen tolerante Schläfrigkeit und Indolenz nicht nur in Kreisen der Linken ist sie allemal.