"Jeder möge sein Leben nach seiner Façon leben. Ich lebte meins", sagt Hilde Gamper, die älteste lebende Lustenauerin. Anna Radl schreibt ihr Leben auf: "Längst habe ich meine Geschichte nicht zu Ende erzählt." Walter Hipf erinnert sich an die alliierten Bombardements im Zweiten Weltkrieg: "Die abgeworfenen Bomben pfiffen und heulten in der Luft. Den Lärm werde ich nie vergessen. So taub kann man gar nicht werden." Herta Turnowsky erzählt von den letzten Tagen der Monarchie, wie die Menschen Gutes sprachen über Kaiser Franz Joseph und wie man den Umgang mit der neuen Epoche erst lernen musste.

25 Menschen im Alter von 100 und mehr Jahren erzählen über ihr Leben im wunderbaren Buch von Eva Walisch und Wolfgang Paterno: "Ein Jahrhundert Leben". Der Titel ist in Großbuchstaben geschrieben und ergibt ein Wortspiel: "Ein Jahrhundert erleben" oder "ein hundert Jahre währendes Leben" - eine poetische Nuance, die charakteristisch für das ganze Buch ist. Nicht umsonst hat das Autorenduo ein Zitat des russischen Poeten Jegenij Jewtuschenko als Motto vorangestellt: "Uninteressante Menschen gibt es nicht."

Den Zeitenwandel beobachten

Das große Verdienst von Walisch und Paterno besteht darin, jedem ihrer Gesprächspartner die eigene Stimme zu lassen. Die Erzählungen haben alle ihren eigenen Tonfall, sie wirken authentisch. Etwa, wenn Anna Strecker, die Witwe des Wienerliederkomponisten Heinrich Strecker, trotzig sagt: "Mein hohes Alter ist mir wurscht. Ich habe nie gedacht, so alt zu werden. Ich habe nicht darauf hingearbeitet, ich weiß um kein besonderes Geheimnis eines langen Lebens. Ich habe auf einen schnellen Tod gehofft. Dann wäre es mit mir geschwind vorbei, die anderen hätten dann Sorgen, nicht mehr ich."

100 Jahre leben, das bedeutet zwei Weltkriege zu überstehen, das bedeutet, einen Zeitenwandel mitzuerleben vom Kurbeltelefon, das sich kaum jemand leisten kann, bis zum Handy, das jeder hat, von der Pferdedroschke zum Auto, diese Menschen haben die Erfindung des Kugelschreibers erlebt, die der Nylonstrümpfe und die der beschichteten Pfannen.

Aus den 25 Porträts setzen Walisch und der langjährige "Profil"-Redakteur Paterno eine Epoche zusammen - aber der Blick lenkt sich weniger auf die ganz großen Dinge, als viel öfter auf die scheinbar kleineren eigenen Erlebnisse, in denen sich die bedeutenden freilich spiegeln. Zeit wird lebendig, bekommt Stimme, Gesicht und Gestalt.

Ganz einfache Menschen hat das Autorenduo für sein Buch getroffen, Menschen aus dem gutbürgerlichen Mittelstand, Schauspieler, eine Opernsängerin und einen hohen Offizier des Bundesheers. Wie viel hat gerade er, Alfred Nagl, doch zu erzählen: von der Erstürmung des Bundeskanzleramts durch die Nationalsozialisten, von den Olympischen Winterspielen 1964 und 1976 in Innsbruck, von einer jungen Hostess, die für das Olympische Komitee arbeitete, Silvia Sommerlath hieß und den Schwedischen König Carl Gustav heiraten würde, von der Wiener Staatsoper, für die Nagl als militärischer Berater arbeitet - und von Festen, die Nagl mit seiner Frau Ingrid immer noch feiert: "Bis heute feiern wir die Feste, wie sie fallen. Ingrid fragte einmal beim Heurigen, ob es im Himmel wohl auch so gemütlich sein werde. Viel Schöner als hier wird es wohl nicht mehr sein."

Die großen stillen Momente

Natürlich spielt im Denken dieser alten Menschen der Tod eine große Rolle. In vielen ihrer Erzählungen merkt man, wie die Räume kleiner werden und das Licht zu verblassen beginnt. Die ehemalige Opernsängerin, für die Musik sich jetzt wie Lärm anhört, die Lehrerin, die ihre Gespräche im Heim am liebsten mit dem Kanarienvogel führt, die ehemalige Fabrikschefin, die sich lange gegen die Übersiedlung ins Heim sträubte und dann doch nachgeben musste.

Doch da ist auch das Annehmen des langen Lebens, das die körperlichen Unvollkommenheiten immer deutlicher spüren lässt, die Akzeptanz des Unvermeidlichen: "Mein Körper ist über 100 Jahre alt. Seit mehr als 100 Jahren schlägt mein Herz. Irgendwann wird es aufhören. Einmal muss auch ich aufhören", sagt Anna Rupar. Gerade in solchen stillen Momenten feiert dieses herrliche Buch das Leben in all seiner Pracht, seiner Mühsal, seiner Sinnhaftigkeit und Begrenztheit am tiefsten und schönsten.