Dieser Exkurs war wohl Anlass für allerlei wilde und falsche Spekulationen im Vorfeld, Houellebecq habe die Proteste der Gelbwesten vorausgesehen. Ein weiterer Beweis für die Hysterie, mit der auf diesen Autor reagiert wird. Manche Stimmen zeigen sich jedoch auch nach Erscheinen des Buches als humorlose Gefangene ihrer Betrachtungsroutine. Houellebecq enttarnt sie, indem er wieder einmal eine Zielscheibe bietet, auf die viele Kritiker mit ihrer automatischen Waffe der Political Correctness schießen und dabei am eigentlichen Inhalt vorbeischrammen.

Denn selbstverständlich ist Houellebecq viel mehr als ein Provokateur - mag er auch das Spiel der Medien, die ihn als solchen erscheinen lassen, mitspielen. So eröffnet er etwa seinen Lesern Interpretationsspielraum, wenn er in seinem selbst erfundenen Spiel "Telemantie", bei dem er einen beliebigen Fernsehsender einschaltet und die Bilder zu deuten versucht, auf Laurent Baffie stößt, jenen französischen Autor, Moderator und Humoristen, der in TV-Sendungen die Rolle des leicht primitiven Spaßprovokateurs übernimmt und die Leute gerne vor den Kopf stößt. Es ist dies wohl eine humorvolle Selbstreflexion.

Zerstörerische Maschine

Doch wie gesagt: das eigentliche Thema des Romans ist die Liebe, als einzig erstrebenswertes Element des Lebens, aber auch als Ausgangspunkt für das Scheitern, das durch die soziale Welt ausgelöst wird. Denn für Labrouste ist klar, "dass die Gesellschaft eine Maschine zur Zerstörung der Liebe war". Er entwickelt eine Theorie der Liebe und ihrer Notwendigkeit am Anfang des 21. Jahrhunderts. Eine Schlüsselstelle des Buches stellt dabei eine zweiseitige Balzac’sche Abhandlung über die Physiologie der Liebe der Frau für den Mann und vice versa dar, nach der "das Wort ‚Liebe‘ für Männer und Frauen zwei grundverschiedene Dinge bedeutet".

Die Schönheit des Körperlichen ist elementarer Teil dieser Liebe, allen voran die Sexualität, doch auch gemeinsame gastronomische Genüsse. Das Genießen zu zweit wird gar zum Sinnbild einer möglichen Fusion: ". . . da hätte es eine Platte mit Meeresfrüchten gebraucht, aber so etwas teilt man, eine Platte mit Meeresfrüchten allein, das ist eine Grenzerfahrung, selbst Françoise Sagan hätte derlei nicht schildern können, das ist wirklich zu krass." (Im Französischen "gore", was doch etwas stärker ist als "krass".)

Labrouste macht sich also auf, Camille wiederzusehen - und scheitert einmal mehr an seiner Unfähigkeit, Glück zuzulassen ("die Leute stellen selbst den Mechanismus ihres eigenen Unglücks her"). Von diesem Moment an versinkt er in einer vollständigen und alles erfassenden Depression, in der nur mehr das Antidepressivum Captorix das Schlimmste eindämmen kann.

Es ist bekannt, dass ein Antidepressivum, das als Wiederaufnahmehemmer von Serotonin im Hirn funktioniert, nicht glücklich macht, sondern dem Individuum lediglich die Schärfe nimmt, mit der es das Leben sonst betrachten würde. Eine solche Tablette "erschafft nichts, und sie verändert nichts; sie interpretiert". Dadurch erscheint das Leben erträglich, doch ist dies trügerisch. Das neue Medikament Captorix bewirkt noch mehr: es macht das Leben im doppelten Sinn unscharf, denn es bringt auch die Libido und die Potenz zum Erliegen.