Der Stil des - gut übersetzten - Buches spiegelt diese Wirkung wider. Der Ton ist weniger zerreißend, die Verzweiflung weniger persönlich, das Gefühlsleben scheint nivelliert. Der Ich-Erzähler, der in einem monologartigen Erguss spricht, verwendet zudem den Begriff der Autofiktion, um den Zustand der Nonkonformität seines Ichs mit der Welt zu beschreiben, das Gefühl, neben der Realität zu stehen, also sich in einer Art Fik- tion seiner selbst zu befinden. Gleichzeitig beschreibt das Wort "Autofiktion" in der Literaturwissenschaft die Spannung zwischen einer erzählten Biografie und der faktischen Wahrheit und umschreibt die Diskrepanz zwischen Erzähler, Autor und Protagonisten.

Plauderton & Atemnot

Diese Spannung drückt sich auch stilistisch aus, nämlich da, wo im Text Houellebecq’scher Duktus verwoben wird mit Monologen à la Bernhard (wenn auch ohne dessen Musikalität). Oder wenn Beistriche zugelassen werden, wo eigentlich Punkte stehen müssten - und auf diese Art eine chaotische Dringlichkeit entsteht. Es kommt so einerseits ein leichter Plauderton auf, gleichzeitig aber liest sich das Buch dadurch mit einer gewissen Atemnot: Getriebenheit gepaart mit Gleichgültigkeit, kurzum, der Roman erzeugt dieselbe Wirkung wie die Tablette, die Labrouste einwirft. Eine stilistische Meisterleistung, sofern man diese Sichtweise zulässt.

Ob beabsichtigt oder nicht, man kann noch eine weitere Parallele zu Thomas Bernhard feststellen. Wenn sich der Suizid am Ende dieses Romans ankündigt, muss man unweigerlich an jenen in Bernhards Roman "Ja" denken, in dem das letzte "Ja" doch als Zustimmung zum Freitod gilt und damit eigentlich ein "Nein" zum Leben ausdrückt (". . . daß ich sie . . . gefragt hatte, ob sie selbst sich eines Tages umbringen werde. Darauf hatte sie nur gelacht und Ja gesagt".).

Überraschend ähnlich lautet dies bei Houellebecq, wo die Frage gestellt wird (Erzähler oder Figur in der Rolle Christi), ob es wirklich einen Suizid brauche, damit die Leute verstehen: "Muss ich wirklich zusätzlich noch mein Leben für die Erbärmlichen geben? Muss man wirklich so deutlich werden? Offenbar ja."

Bei seinem Versuch, einen großen Roman über die Liebe im 21. Jahrhundert zu schreiben, gelingt Houellebecq mit "Serotonin" zugleich eine großartige stilistische Neuerfindung.