Adriana Altaras: "Es gibt nichts Schöneres als Musik." - © gene_glover
Adriana Altaras: "Es gibt nichts Schöneres als Musik." - © gene_glover

Adriana Altaras besitzt die besondere Gabe, das Lustige im Tragischen zu wittern und Schwierigkeiten mit Leichtsinn zu kontern. Schon in ihrem 2012 erschienenen Debüt "Titos Brille", das sie schlagartig bekannt machte, erzählte sie von den Verheerungen des 20. Jahrhunderts, ohne dabei die absurden Seiten des Lebens außer Acht zu lassen. Es folgten weitere Bücher ("Doitscha", "Das Meer und ich waren im besten Alter"), in denen sie, die man bis dato als Schauspielerin und als Regisseurin kannte, die Romantauglichkeit ihres eigenen Lebens immer wieder spielend unter Beweis stellte.

1960 in Zagreb geboren und später in Italien und Deutschland aufgewachsen, studierte Altaras Schauspiel und war in vielen Filmen und Fernsehproduktionen zu sehen. Seit den 90er Jahren inszeniert sie Theaterstücke und Opern, in der jüngsten Vergangenheit vor allem Opern, wovon auch ihr neues Buch, "Die jüdische Souffleuse", Auskunft gibt. Autofiktional hin oder her, es gibt keinen Zweifel daran, dass die Ich-Erzählerin verdammt viel mit der Autorin zu tun hat. Die wiederum gibt sich nicht die geringste Mühe, das zu verschleiern. Wa-rum auch?

Die Erzählerin heißt Adriana Altaras, wohnt in Berlin, hat zwei Söhne und inszeniert Opern. Und von Anfang an ist da dieser energiegeladene Ton, der Tempo macht. Ein Ton, der die Autorin auch in der sogenannten Wirklichkeit umgibt. Wo immer sie auftritt, kommt keine Lahmheit auf. Im neuen Buch spricht sie von ihrer Liebe zu ihrem Beruf, der Opern-Regie: "Es gibt nichts Schöneres als Musik". Dabei nimmt sie die Leser mit in die Provinz, wo die Opernhäuser stehen, an denen sie vornehmlich arbeitet. Man erkennt Kassel, man erkennt Bern. Von der ersten Idee über die Konzeptionsprobe, den programmierten Ärger mit dem Chor, Kantinenkatastrophen bis hin zur Premiere und dem Hangover danach: Es ist eine Betriebssatire, die mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben dürfte, als sich viele wünschen würden. Die Autorin verfeinert sie - in gebotener Kürze - mit Inhaltsangaben von Opern und Operetten.

Doch das ist längst nicht alles, sondern bildet eher den Rahmen für die Geschichte der titelgebenden jüdischen Souffleuse Susanne, genannt Sissele. Die hat sämtliche Bücher von Adriana Altaras gelesen und erwartet jetzt Hilfe bei der Aufarbeitung der eigenen strapaziösen jüdischen Familiengeschichte. Daraus entspinnt sich ein Roadtrip durch Deutschland über die Tschechoslowakei bis nach Österreich, der in seiner Machart an Regina Schillings Dokumentarfilm "Titos Brille" erinnert, in dem Adriana Altaras mit dem Auto an ihrer eigenen Familiengeschichte entlang fährt. Es sind Recherchereisen, die das eigene Ich in der Historie erkunden. Lebensläufe, die der Holocaust prägte.

Diesmal führt der Weg übers Kasseler Archiv des Internationalen Suchdienstes ins sogenannte Künstler-KZ Theresienstadt sowie nach Mauthausen. Dabei dröselt die Autorin das Leben von Sisseles Vater, Fischel Chaimberg, auf und erläutert den Lesern, was im Sonderkommando in Auschwitz, beim Todesmarsch nach Mauthausen und nach dem Krieg mit ihm geschah.

Altaras mischt dafür Textsorten, unterbricht ihren Erzählfluss mit Dokumenten, Gutachten, Archivmaterial. Bedrückende Lektüren, die Auskunft geben über die Vergangenheit, die bekanntlich nicht vergeht. Doch als wolle sie ihren Lesern nie zu viel Unheil auf einmal zumuten, lockert die Erzählerin das Böse immer wieder mit launigen Bemerkungen, die sich oft und gern ums Essen drehen, auf.

Außer dem Opernbetrieb und der Recherche mit Sissele blickt das erzählende Ich auch auf das eigene Leben zurück, auf die Anfänge im wilden Berlin, wo damals noch David Bowie im "Dschungel" aufkreuzte, und auf das Leben als Schauspielerin, die zur Film-Familie des Regisseurs Rudolf Thome gehörte. Altaras schichtet ihre drei Erzählebenen munter über- und durcheinander. Das wirkt in der Konstruktion mitunter eher chaotisch als elegant - und ist auch so besehen absolut dem Leben abgelauscht.