Stimme der Verletzten: Delphine de Vigan. - © Delphine Jouandeau
Stimme der Verletzten: Delphine de Vigan. - © Delphine Jouandeau

"Anfangs, als Théo noch zu klein war, um allein den Aufzug zu nehmen, kam sein Vater nach unten und erwartete ihn auf der anderen Seite der Glastür. Seine Eltern begegneten sich nicht, sie sahen sich nicht an, jeder blieb auf seiner Seite der gläsernen Grenze. Als wäre er eine gegen eine unbekannte Ware ausgetauschte Geisel, betrat Théo die Eingangshalle und durchquerte die neutrale Zone, er wagte kaum auf den Knopf zu drücken."

Welches Scheidungs- oder Trennungskind, das zwischen seinen zerstrittenen Eltern pendelt, kann sich nicht mit diesem Moment, in dem es die Fronten wechselt, identifizieren? Die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan hat oft über den Druck, dem Kinder durch ihre Eltern ausgesetzt sind, über ihre Verletzungen, Freundschaften und Träume geschrieben. Familiäre Gewalt kommt in unterschiedlichen Formen in all ihren Romanen und autobiografischen Büchern vor.

Balanceakt

In ihrem neuen Roman, "Loyalitäten", balanciert der 12-jährige Théo gleichsam auf einem Seil zwischen den acht Metrostationen voneinander entfernten Wohnungen seiner Eltern. Jede Woche landet er "bepackt wie ein Muli" in einer anderen Kultur, mit anderen Sitten und einer anderen Sprache; beide beherrscht er perfekt. Nach der Rückkehr vom Vater weicht er dem inquisitorischen Blick der Mutter aus und duscht sich sofort, weil sie den Geruch des Vaters an ihm nicht erträgt. Er tut alles, um ihre Trauer nicht noch zu verstärken, wird still, unsichtbar und beginnt heimlich zu trinken.

Bei seinem Vater hat er den aktiven Part inne: Seit dieser arbeitslos ist, lässt er sich und seine Wohnung verkommen und geht kaum vor die Tür. Théo putzt, kauft von dem wenigen Geld auf dem Konto ein und sorgt dafür, dass niemand vom Absturz des Vaters erfährt. Denn sonst, bläut dieser dem Buben ein, würde er das Sorgerecht für Théo verlieren.

Delphine de Vigan schreibt so leise, vielschichtig und eindringlich über Abgründe und innere Kämpfe ganz normaler Menschen, dass die Loyalitätskonflikte der vier Erzähler in diesem kurzen, aber dichten Roman stark berühren. Wenn Théos Vater weint, bekommt Théo Lust, ihn, den er sonst beschützt, einen schmutzigen Versager zu schimpfen, gemein zu ihm zu sein.

Sein einziger Freund Mathis war isoliert, bevor Théo in die Klasse kam. Anfangs verehrt Mathis den coolen Théo, der sich leicht in der Schule tut und ihn zum Schwänzen und Alkoholtrinken überredet, uneingeschränkt; als Mathis’ Mutter Cécile erfährt, dass die beiden trinken, würde er lieber damit aufhören, kann jedoch nicht anders als Théo zu folgen und will ihn auf keinen Fall verraten.