Von der Härte der Kritik überrascht: Takis Würger. - © Sven Döring
Von der Härte der Kritik überrascht: Takis Würger. - © Sven Döring

Schon lange hat kein Buch mehr Literaturkritiker so erzürnt wie Takis Würgers Roman "Stella" (Hanser). Seine Romanze, die im Berlin des Jahres 1942 spielt und auf der historischen Figur Stella Goldschlag - einer von der Gestapo zur Kollaboration gezwungenen Jüdin - basiert, musste teils wüste Beschimpfungen in den deutschen Feuilletons aushalten und hat eine Debatte über die Literarisierung von Geschichte ausgelöst. Ein Gespräch mit dem deutschen Schriftsteller, der übrigens seinen höchst erfolgreichen Debütroman "Der Club" zu großen Teilen auf dem Betonboden des Alten AKH in Wien geschrieben hat.

"Wiener Zeitung": Wie sind Sie auf die historische Geschichte, auf der Ihr Roman basiert, gestoßen?

Takis Würger: Vor zweieinhalb Jahren habe ich mit einem Freund das Musical "Cabaret" besucht, danach haben wir darüber gesprochen, wie faszinierend das in diesem Stück ist, dass Terror und Schönheit so nahe beieinander liegen. Mein Freund sagte, das sei ja wie im Leben von Stella Goldschlag. Ich hatte den Namen noch nie gehört, hab sie gegoogelt und am gleichen Abend wusste ich, ich möchte inspiriert von dieser historischen Figur einen Roman schreiben.

Was hat Sie besonders interessiert an dieser Person?

Die historische Stella Goldschlag hat sich mit Anfang 20 in einer grausamen und moralisch komplexen Situation wiedergefunden: Ist sie bereit, mit den Nazis zu kollaborieren, um ihre Eltern davor zu retten, deportiert zu werden? Das war eine Frage, auf die wusste ich von Anfang an keine Antwort. Und ich wusste, ich würde sie nie geben können, eine Frage, die mich erschüttert hat. Und weil es im historischen Material über Stella Goldschlag - es gibt zum Beispiel eine gute Biografie von Peter Wyden, die leider vergriffen ist - keine Antwort gibt, wie diese Frau mit der Schuld umgegangen ist, wollte ich mich der Frage der individuellen Schuld in der Form eines Romans widmen.

Die Methode, Juden zu zwingen, andere Juden zu verraten, um sich selbst oder ihre Familie zu retten, zeichnet sich durch besondere Perfidie aus - zumal es Stella am Ende gar nicht gelungen ist, ihre Eltern vor dem Tod zu retten. Das Schicksal dieser "Greifer" genannten Zwangs-Spione, die "U-Boote" enttarnten, ist nicht sehr bekannt...

Der Begriff der Greifer, den ich immer ein bisschen unglücklich finde, bezeichnet jüdische Kollaborateure der Gestapo. In manchen Situationen schuf die Gestapo ein Konstrukt, mit dem sie jüdische Deutsche zur Kollaboration zwang. Auch ich wusste das nicht. Ich denke, das liegt unter anderem daran, dass es sehr wenige solcher Menschen gab.