Bezeichnet sein Schreiben als "konfrontative Literatur": Édouard Louis, geboren 1992 als Eddy Bellgueule. - © leemage
Bezeichnet sein Schreiben als "konfrontative Literatur": Édouard Louis, geboren 1992 als Eddy Bellgueule. - © leemage

Édouard Louis ist gerade einmal 26 Jahre alt, aber seit seinem literarischen Debüt "Das Ende von Eddy" (im Original 2014 erschienen) ist er so etwas wie ein Shootingstar. Über 200.000 Mal verkaufte sich sein autobiografisch grundierter Bericht über das Heranwachsen als junger Mensch mit homosexuellen Neigungen in der französischen Provinz. Erst als der junge Mann in die Stadt geht und aus Eddy Bellegueule Édouard Louis wird, kann er sich aus der Umklammerung von Provinz und Proletariat befreien.

"Das Ende von Eddy" war auch ein soziologischer Roman, eine Milieustudie, wie sie - anders, reflektierter, aber auch weniger eindringlich - der Soziologe Didier Éribon ein paar Jahre zuvor mit "Retour à Reims" vorgelegt hatte. Auf Deutsch erschien dieses Buch übrigens erst 2016 (und wurde zum Bestseller), ein Jahr nach Louis’ Debüt, was insofern interessant ist, als Louis bei Éribon studiert und sein Buch dem Lehrer gewidmet hatte.

Stellungnahme

Hat hier der Jüngere den Älteren, der Debütant den Meister gleichsam mitgezogen? Fest steht jedenfalls, dass Éribon und Louis seither zusammen mit Geoffroy de Lagasnerie (der altersmäßig zwischen beiden steht und Philosoph sowie Lebenspartner von Éribon ist) als intellektuelles Dreigestirn durch Frankreich und die Welt tingeln. Ihre Bücher bewegen sich irgendwo zwischen Autobiografie, Gesellschaftsanalyse und politischer Streitschrift.

Louis selbst hat sein Schreiben als "konfrontative Literatur" bezeichnet, die durchaus für sich in Anspruch nimmt, politisch und gesellschaftlich wirksam zu sein. Was eben auch heißt: als Schriftsteller zu aktuellen Geschehnissen Stellung zu nehmen. Louis tat das jüngst mit Blick auf die "Gelbwesten", diese schwer greifbare Bewegung der "Abgehängten", die er in einem nicht allzu tiefsinnigen Text ("Wer sie beleidigt, beleidigt meinen Vater") vehement verteidigte.

Dass muss man wissen, um nicht allzu überrascht zu sein, wenn nun ein gerade einmal 80 Seiten umfassendes Büchlein, das in Frankreich schon vor fast einem Jahr erschienen ist, im deutschsprachigen Raum fast so viel Aufmerksamkeit bekommt wie der neue Roman von Michel Houellebecq. Seltsam ist das vor allem deshalb, weil dieses Büchlein erstens reichlich zusammengestückelt wirkt und zweitens den alten Gottfried Benn’schen Satz belegt, wonach gut gemeint das Gegenteil von Kunst ist. "Was ich erzähle, folgt nicht den Erfordernissen der Literatur, sondern denen der Notwendigkeit, der Dringlichkeit, denen des Feuers." Fast wirkt es, als wolle Louis seinem Vater, den er in "Das Ende von Eddy" noch ziemlich negativ geschildert hatte, jetzt unbedingt doch noch seine Liebe beweisen. "Ich wusste, dass ich dich liebte, aber ich hatte das Bedürfnis, den anderen gegenüber zu behaupten, ich würde dich hassen." Es ist der Versuch, den Vater zu verstehen als den, der er aufgrund der Verhältnisse geworden ist.