Mit zwölf Jahren merkte Hervé Le Tellier, dass er ein Monster war. Seine Mutter rief ihn abends an, um ihm mitzuteilen, dass sie und sein Stiefvater sich verspäteten. Er merkte, dass er "ihr Verschwinden ohne Angst oder Trauer ins Auge gefasst" hatte. "Ich war erstaunt, so rasch meine Situation als Waise akzeptiert zu haben, erschrocken auch über ein kleines enttäuschtes Zwicken im Bauch, als ich die Stimme meiner Mutter erkannt hatte." Jahre später, als er vom Tod seines Vaters erfuhr, sagte er, als er gefragt wurde, was passiert war: "Nichts Schlimmes. Mein Vater ist gestorben." Sein Gegenüber lachte und Le Tellier wusste wieder, dass er ein Monster war.

Dürfen Kinder ihren Eltern gegenüber gleichgültig sein? Sind wir dazu verpflichtet, unsere Erzeuger zu lieben, egal, ob sie liebenswert sind oder nicht? Der Pariser Schriftsteller Hervé Le Tellier (Jg. 1957), Verfasser zahlreicher, häufig origineller und humoristischer Prosa, Gedichte und Kolumnen, erzählt im Roman "All die glücklichen Familien" von mehreren Generationen seiner Familie und davon, warum er für keinen der gezeichneten Charaktere etwas empfinden kann. Weder für seine verrückte Mutter und den geizigen Stiefvater, noch für seinen biologischen, meist abwesenden Vater und dessen Geliebte, für die männerverschleißende Tante oder den patriarchalen Großvater.

Er war kein unglückliches Kind, wurde nicht misshandelt, ihm fehlte es an nichts. Und doch wollte er schon früh nur weg, unbelastet von dieser Familie leben. Eine heitere Familiengeschichte der anderen Art, weder wütend noch anklagend, aber frei im Denken und tabulos.