Annie Ernaux gehört zu den herausragendsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Ihr Jahrhundertwerk "Die Jahre" war 2017, pünktlich zum Frankreich-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse, herausgekommen. Im Original war es schon 2008 erschienen. Annie Ernaux, Jahrgang 1940, schließt da-rin ihr eigenes Leben mit den Wegmarken des vergangenen Jahrhunderts kurz. Wechselseitige Prägungen offenbaren sich dabei aufs Schönste, und die Leser dürfen sich eingeladen fühlen, bei diesem Spiel mit der eigenen und der nationalen Biografie mitzumachen. Jetzt bringt der Suhrkamp Verlag "Erinnerungen eines Mädchens" heraus, bei dessen Titel man an Simone de Beauvoirs "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" denken mag.

Ernaux indes entstammt einer anderen sozialen Schicht, sogenannten einfachen Verhältnissen, die freilich meist die schwierigeren sind. Sie wächst in der Provinz auf, in Yvetot in der Normandie, in einem katholischen Milieu. Ihr Anderssein und ihre Herkunft aus nicht intellektuellen Verhältnissen zieht sich durch ihr Werk und markiert sie als Schwester im Geiste von Didier Eribon und Co.

Diesmal erzählt sie, die sich gern als Ethnologin ihrer selbst bezeichnet, von ihrer eigenen Jugendzeit, versucht dabei, von sich wie von einer Fremden zu sprechen und weiß natürlich um die Fallstricke des autobiografischen Schreibens: "Das Mädchen auf dem Foto bin nicht ich, aber sie ist auch keine Fiktion", heißt es da, oder: "Ich konstruiere keine Romanfigur. Ich dekonstruiere das Mädchen, das ich gewesen bin."

Ernaux begibt sich noch einmal in die Teenagerhölle, als sie nicht einmal wusste, wie man einen Pfirsich isst. Es ist Sommer 1958, Annie, damals noch Duchesne mit Nachnamen, ist 18 Jahre alt und arbeitet in einem Ferienlager, wo sie ihr "erstes Mal" erlebt. Sie ist zu unerfahren, um alles einordnen zu können. Erst viele Jahre später, 2015, setzt sie sich an den Schreibtisch und stöbert in ihrem früheren Ich herum wie in einer unaufgeräumten Truhe.

Sie nimmt sich Fotos vor, Briefe an Freundinnen, ihren alten Taschenkalender, um zu recherchieren, wie passieren konnte, was ihr passierte. Es ist eine Spurensuche hinein in die eigene Vergangenheit und in die Vergangenheit einer Gesellschaft sowie deren Umgang mit Männern und Frauen. Das Mädchen Annie erschließt sich ihre Welt durch Bücher, die sie liest. Auch davon erzählt der schmale Band, der einer Selbstinspektion in die hintersten Ecken der Seele und des Körpers gleicht, vom sexuellen und intellektuellen Erwachen eines Mädchens erzählt. Die weibliche Scham ist ein Thema, um das sie nicht herum kommt, doch Eindeutigkeiten sind bei Ernaux nicht zu erwarten, vielmehr ist sie der widersprüchlichen Wahrheit ihrer Empfindungen auf der Spur, rekonstruiert den "verzweifelten Drang nach Haut" und das unbändige Verlangen, dazuzugehören.

Immer zielen ihre Ausführungen auf die gesamte Existenz, und wieder gelingt ihr viel mehr als bloß der Tatsachenbericht einer autobiografischen Erfahrung, mehr als nur die Schilderung der Künstlerin als junger Frau.

Sie schreibt auch die Geschichte einer/ihrer Generation und zudem eine exemplarische Erzählung weiblichen Begehrens und Schmerzes - lebensklug, poetisch, wahr: "Den Abgrund erkunden zwischen der ungeheuren Wirklichkeit eines Geschehens in dem Moment, in dem es geschieht, und der merkwürdigen Unwirklichkeit, die dieses Geschehen Jahre später annimmt."